Mit der Bahn durch Europa – Tag 9
Helsinki – Ostsee
Kurz nach Mitternacht gratuliert mir Sohn noch zu meinem Geburtstag – dann schlafen wir gut und entspannt. Nach der Morgentoilette (ab 60 nennt man das „tägliche Renovierung“) bringen wir unser Gepäck in einen Aufbewahrungsraum, denn wir haben noch bis zum Nachmittag Zeit, Helsinki näher zu erkunden; wir sind im Stadtviertel Hakaniemi, wo es nicht nur gute Einkaufsmöglichkeiten gibt, sondern auch eine Anbindung an die U- und die Straßenbahn. In einem Supermarkt um die Ecke packen wir uns ein Frühstück ein – dabei ein ovales Gebäck namens „Riisipiirakka“, das aussieht wie eine mit Pudding gefüllte Roggenteigtasche. Als wir sie später probieren, stellen wir fest, dass die Füllung aus einer Art Milchreis besteht, aber die „Karelische Pirogge“ oder „Reispirogge“ (ich habe gegoogelt) ist nicht besonders süß. Trotzdem fein. Außerdem gibt's „Korvapuusti“ – eine finnische Zimtschnecke, die genauso aussieht wie ein Hamburger Franzbrötchen und die auch so schmeckt. Und ein „Sitruuna marenkiviiner“ (steht jedenfalls auf dem Regal) ein leckeres Küchlein mit Zitrone und Baiser.
Mit der U-Bahn sind wir schnell am „Helsingin päärautatieasema“, dem Hauptbahnhof – einem klotzigen, neoklassizistischen Bau mit Jugendstilelementen, der von der Struktur her ein wenig an den Stuttgarter Hauptbahnhof erinnert, aber von einem wesentlich interessanteren Uhrturm gekrönt wird, verkleidet mit grünem Kupfer. Die Reiseziele der Züge werden hier, wie wir feststellen, immer zweisprachig in Finnisch und Schwedisch angeschrieben. Das sieht verwirrend aus, weil die Ortsnamen zum Teil völlig unterschiedlich sind. Aber Schwedisch ist in Finnland die offizielle zweite Amtssprache. Und nun weiß ich auch, dass Helsinki auf schwedisch „Helsingfors“ heißt. Ich dachte bisher tatsächlich, das wären zwei verschiedene Städte. Reisen bildet wieder mal. Wir frühstücken mitten auf dem „Senaatintori“; dem Senatsplatz, zu Füßen des klassizistischen Doms, der auf weißen Säulen hinter einer massiven Steintreppe thront, im Schatten der Statue von Zar Alexander II, auf deren Kopf ständig eine Möwe sitzt. Die Treppe bietet eine gute Sicht auf den großen Platz, der vom Regierungspalais und der Universität umrahmt wird.







Es ist Sonntag; die Läden haben geöffnet, aber die Stadt erwacht erst langsam zum Leben. Die Wolkendecke ist dicht geschlossen, aber es nicht wirklich kalt. Zu Fuß ist es nicht weit zum Hafen, wo die „Vanha kauppahalli“, die alte Markthalle, steht. Ein schöner Ziegelbau mit hellen Akzenten, der im späten 19. Jahrhundert errichtet wurde. Einige der hölzernen Verkaufsstände sind geschlossen, aber an den Foodständen herrscht reger Betrieb. Fisch, Kaviar und Champagner gibt es ebenso wie Pizzastücke, Suppen, Rentier- und Elchfleisch und haufenweise Zimtschnecken. Es riecht hier wirklich lecker und ich bin ganz froh, dass wir erst gefrühstückt haben. Am Anleger sehen wir Ausflugsboote, die zur Festung Suomenlinna hinausfahren – aber das wäre uns zu knapp. Hinten am Schiffsanleger auf der anderen Seite des Hafenbeckens sehen wir in der Ferne ein großes, rot-weißes Schiff mit der Aufschrift „Viking Line“. Es ist die Gabriella, wie Sohn mit dem Teleobjektiv sehen kann. Und das bedeutet, dass wir genau dieses Schiff heute nachmittag noch betreten werden. Doch dazu später.
Am Hafen sehen wir zwei Schwimmbecken, in denen tatsächlich Leute schwimmen – wir vermuten, dass es da eine Sauna geben muss, denn warm ist es heute wirklich nicht. Wir wollen die Uspenski-Kathedrale nahe am Hafen besichtigen, einen Ziegelbau mit 13 Türmchen, aber es findet gerade ein Gottesdienst statt, so dass wir nur kurz hineinschauen. Dahinter ist der Tove-Jansson-Park, eine kleine, malerische Anlage, die nach der Schöpferin der Mumintroll-Bücher benannt wurde. Ich habe die Geschichten als Kind gerne gelesen, auch wenn ich das mit dem Kometen und vor allem die Hatifnatten schrecklich gruselig fand (und um das zu verstehen, muss man die Bücher kennen). Als wie etwas später die Pohjoisesplanadi, die große Flaniermeile Helsinkis, entlanglaufen, sehen wir tatsächlich einen Muminshop mit diversen - leider ziemlich teuren - Devotionalien aus den Mumingeschichten. Wir finden in Souvenirläden witzige Mitbringsel, z.B. Sauna-Hüte aus Filz im Wikinger-Design (wir haben sie nicht gekauft) und werfen einen Blick in das große Kaufhaus „Stockmann“. Sohn hat beschlossen, mir zum Geburtstag ein Mittagessen zu spendieren und so essen wir im nahegelegenen „Taco Bell“. Eine amerikanische Kette, die es in Deutschland nicht gibt, aber in Barcelona haben wir schon dort gegessen. Gar nicht übel.
Eigentlich hätte ich wirklich gerne noch die Felsenkirche besichtigt, aber die ist ein gutes Stück weit weg und die Entfernungen in Helsinki sind einfach größer, als wir es gewohnt sind – und wir müssen ja auch noch zum Hotel fahren, um unser Gepäck zu holen. Ich muss zugeben, dass ich mit Helsinki nicht ganz warm werde. Und das ist wahrscheinlich unfair, denn ich habe vieles nicht gesehen, wie z.B. die Parks, die Küste und die Inseln. Und vielleicht liegt es auch am Wetter, oder daran, dass die Sehenswürdigkeiten einen hier nicht an jeder Ecke anspringen wie in Tallinn – die Stadt ist einfach größer. Also muss ich irgendwann mal wiederkommen, um Helsinki seine verdiente Chance zu geben.

Als wir die Reise geplant haben, dachten wir zuerst darüber nach, von Helsinki aus einen Flug zu nehmen. Aber das wäre einerseits teuer gewesen und irgendwie kam es uns für diese Bahnreise auch vor wie Schummeln. Dann gab es noch die Idee, mit der Bahn weiter an den Polarkreis zu fahren – aber wir hätten dieselbe Strecke wieder zurückfahren müssen, weil die Bahnverbindungen da oben einfach nicht gut sind. Das hätte uns zwei Tage Zeit gekostet. Und dann entdeckte ich diese Fähre. Die Fahrt inklusive Kabine für zwei kostet weniger als eine Übernachtung in Helsinki, die Reise dauert 18 Stunden und am nächsten Morgen um 10 Uhr (Ortszeit) werden wir – in Stockholm in Schweden 🇸🇪 – ankommen!
Pünktlich um 16 Uhr sind wir mit U- und Straßenbahn am Terminal der Viking Line angelangt (neben einem Busparkplatz, der auf finnisch – ich liebe das – „Bussiparki“ heißt). Wir sind aufgeregt, denn das Schiff ist für unsere Maßstäbe riesig und wir beide waren noch nie in einer Schiffskabine und auf einer so langen Fahrt. Wir checken an einem Automaten ein und müssen dann inmitten hunderter Passagiere mit einer erstaunlichen Menge an Koffern und schreienden Kindern warten, bis wir aufs Schiff dürfen. Endlich setzt sich die Karawane in Bewegung und es geht durch gläserne Gänge auf das Schiff.
Wir versuchen, uns auf dem Pott zurechtzufinden, studieren die ausgehängten Übersichtspläne, um unsere Kabine zu finden – um dann festzustellen, dass wir fast daneben stehen. Auf den ersten Blick wirkt es, als gäbe es in dem kleinen, fensterlosen Räumchen keine Betten, aber dann entdecken wir, dass wir die nur von der Wand klappen müssen. Bettzeug, Handtücher – alles liegt fertig drauf und wir haben sogar ein kleines Sofa und ein TV-Gerät, eine eigene Toilette und eine Dusche. Ich mache mir ein kleines bisschen Sorgen, ob es womöglich Seegang gibt und ob man so schlafen kann, aber nachdem wir uns eingerichtet haben, wollen wir natürlich die Abfahrt verfolgen und das Schiff erkunden. Man kann tatsächlich bis ganz nach oben laufen und entgegen meiner Befürchtungen ist das Schiff zwar gut belegt, aber keineswegs überfüllt. Man findet überall noch ein Plätzchen und wir können sogar bis ganz oben, direkt hinter die Brücke, steigen. Die Aussicht auf Helsinki ist toll, außerdem beginnt die Wolkendecke aufzureißen.






Seewind im Gesicht, schreiende Möwen in der Luft - wir kommen uns vor wie Weltreisende und genießen die aufregende Zeit auf See. In einem der Restaurants läuft eine Sportübertragung und alles feiert, in einer Bar mühen sich Gäste redlich beim Karaoke ab, es gibt ein Buffet, ein Restaurant mit Stoffservietten, Silberbesteck und edlen Weingläsern auf den Tischen und einen ziemlich großen Supermarkt mit einem deutlichen Schwerpunkt an Alkoholika und Duftwässern aller Art – das ist eine schwimmende Stadt hier. Die Preise an Bord sind gepfeffert, so dass es zum Abendessen nur belegte Brötchen gibt, aber die sind dann auch wirklich anständig. Und wir reservieren schon mal Plätze für das Frühstücksbuffet, denn diese Gelegenheit kommt nicht so bald wieder. An Deck erleben wir gegen halb elf Uhr abends einen phantastischen Sonnenuntergang, aber so richtig dunkel wird es so hoch im Norden ohnehin nicht. Die Betten in der Kabine (oder muss man da Kojen sagen?) erweisen sich als überraschend bequem. Weder Motorgeräusch noch Vibration noch Seegang stören uns - und so wiegt uns das Meer in einen sanften Schlaf.

