Mit der Bahn durch Europa – Tag 8
Tallinn – Helsinki


Unsere erste Aufgabe heute: Frühstück suchen. Wir räumen das Hotelzimmer, lassen das Gepäck aber noch dort, weil wir erst am Nachmittag wieder abreisen werden. Sohn hat eine Bäckerei namens „Pulla“ aufgetan, die um 9 Uhr öffnet – und so stehen wir an diesem sonnenhellen Morgen pünktlich vor dem kleinen Laden. Ein bisschen dauert es noch, dann dürfen wir rein; die Bäckerei wird um diese Zeit nur von einer Frau betrieben, und die Backstube ist gleichzeitig der Verkaufsraum. Sie schiebt volle Bleche in den Ofen, glasiert den frischgebackenenen Inhalt der Bleche die sie aus dem Ofen geholt hat, zeitgleich nimmt sie Bestellungen an, macht die Kasse und kocht Kaffee. Eben stellt sie ein Blech voller warmer, duftender Teigschnörkel auf die Theke, so dass uns die Wahl nicht schwerfällt: das da wollen wir, genau das. Es sind „Kaneelisai“ – eine Art fluffiger Zimtschnecken. Alternativ gäbe es auch Kardamomschnecken, aber unsere Wahl ist schon getroffen. Und so sitzen wir in der warmen Backstube und genießen die noch warmen, wunderbaren Gebäcke. Dazu ein schöner Kaffee, herrlich. Mehr braucht es auch nicht, die Schnecken sättigen total und das ist fast schade, denn ich hätte mich in der Bäckerei ja gerne mal durch das Sortiment gefuttert.

Auf dem Marktplatz in der Altstadt sind Tafeln aufgestellt, die in estnischer und englischer Sprache fordern: „Lieber Putin, lass uns vorspulen an die Stelle, wo du dich selbst in einem Bunker tötest“. Humor haben sie, die Esten. Ein Stück weiter treffen wir – wie ein Schild verkündet – auf die älteste Apotheke Europas. Es gibt wohl noch mehr „älteste Apotheken Europas“, aber diese hier war unterbrechungsfrei an Ort und Stelle, das zählt. Den Besuch des angeschlossenen Museum verschieben wir auf das nächste Mal, es gibt in der Stadt noch mehr zu entdecken. Wer sich für das Thema interessiert, dem möchte ich die TV-Serie „Melchior, der Apotheker“ ans Herz legen, die im 15. Jahrhundert spielt und in Tallinn gedreht wurde. Im Osten der Altstadt besuchen wir den Hellemannturm und die Stadtmauer mit dem Katharinengang (Katariina käjk), der mit seinen überspannenden Querstreben wirklich wirkt, als befänden wir uns in grauer Vorzeit.
Auf dem Freiheitsplatz weiter südlich (der hieß während der sowjetischen Besatzung 1940–1991 „Platz des Sieges“, bevor er wieder seinen alten Namen bekam) steht das Denkmal für den Unabhängigkeitskrieg. An der Hauswand rechts daneben ist neben einer riesengroßen estnischen Flagge auch die der Ukraine angebracht. Von hier ist es nicht weit bis zur alten Stadtbefestigung mit dem großen Kanonenturm „Kiek in de Kök“ (Plattdeutsch für „Guck in die Küche“), an dem sich auch das Stadtmuseum befindet – aber auch das müssen wir uns für ein anderes Mal aufheben. Noch ein Stück weiter westlich und ein Stückchen weiter bergauf haben wir Gelegenheit, einen Blick in die orthodoxe Alexander-Newski-Kathedrale zu werfen. Es riecht nach Weihrauch, wir sehen Goldschmuck und Ikonen – eine ganz eigene, faszinierende Atmosphäre. Irgendwie... weihnachtlich.





Nun geht es wieder bergab über ein Katzenkopf-Pflaster, da muss man wirklich auf seine Schritte achten. Mitten auf dem Weg steht eine Möwe und lässt sich von den nun zunehmenden Touristenströmen kein bisschen beirren. Ein Stück weiter nördlich kommen wir an Türmen, Mauern und mittelalterlichen Stadttoren vorbei – ich kann und will die gar nicht alle aufzählen, das seht Ihr Euch am Besten selbst einmal an. Aber es gibt hier eine St.-Olaf-Kirche - und ich dachte immer, das gäbe es nur in der Serie „Golden Girls“. Auf jeden Fall möchten wir noch die Aussichtsplattform auf dem Berg der alten Revaler Stadtbefestigung erklimmen, die wir auf unserem Weg vom Bahnhof schon gestern gesehen haben. Ach ja: Tallinn hieß bis 1918 offiziell „Reval“, das war der deutsche, schwedische und dänische Name der Stadt. Dann benannten die Esten sie in „Tallinn“ um – was wörtlich übersetzt „Dänenstadt“ heißt. Kompliziert. Aber ich spare mir jetzt einen Exkurs über die interessante Geschichte der alten Hansestadt, sonst sprengt das hier jeden Rahmen. Neben Souvenirshops (in den Schaufenstern gibt es viel Bernstein und nachempfundene Fabergé-Eier) und alten Mauern gibt es von der Aussichtsplattform aus eine prächtige Aussicht auf die Stadt bis hin zum finnischen Meerbusen.




Wir haben die Vanalinn (Altstadt) fast umrundet und sind hungrig geworden. Am Baltischen Bahnhof gibt es eine Markt- und Foodhalle („Balti Jaama Turg“), da wollen wir unser Glück versuchen. Und tatsächlich finden wir mitten in dem reichen Angebot nach einigem Hin- und Herschauen eine Filiale des Pelmeni-Restaurants, in dem wir gestern nicht mehr essen konnten. Die Auswahl ist groß und wir entscheiden uns für Teigtaschen mit Entenfüllung und eine schwarzen Variante mit Huhn und Krabben. Dazu gibt saure Sahne zum Dippen und die Pelmeni sind – schön warm und mit frischem Dill garniert – unglaublich lecker; wir sind ganz begeistert. Auf der Theke steht noch eine große Glaskaraffe, auf der „Meerrettich-Vodka“ steht und die auch mit einem Stück Meerrettich verschlossen ist – hier verzichten wir aber lieber auf eine Kostprobe.



Frisch gestärkt sehen wir uns nordwestlich der Altstadt noch das Viertel „Kalamaja“ an, in dem viele der schon beschriebenen, typischen, bunten Holzhäuser stehen. Nun wird es aber ganz allmählich Zeit, unser Gepäck aus dem Hotel zu holen, denn für unser nächstes Reiseziel müssen wir nicht zum Bahnhof, sondern zum Hafen. Wir nehmen die Straßenbahn zum Hotel und haben noch ein bisschen Zeit, so dass wir in einem Bubble-Waffle-Laden noch die mit Eis gefüllten Köstlichkeiten zum Nachtisch bestellen. Dabei haben wir nicht bemerkt, dass es eine Warteliste gibt, die nach und nach abgearbeitet wird – und das mit sehr viel Ruhe und Gelassenheit. Ich sehe unser Zeitpolster dahinschwinden und bin kurz davor, auf das schon bezahlte Dessert zu verzichten – aber dann bekommen wir nach über einer Viertelstunde doch noch unsere bunt ausdekorierten Eiswaffeln und machen uns im Schnellschritt auf den Fußweg zum „Reisiterminal“ am Fährhafen.


Unser nächstes Ziel ist die finnische 🇫🇮 Hauptstadt Helsinki und uns wurde stark empfohlen, eine Stunde vor Abfahrt des Schiffes vor Ort zu sein. Mit unseren Interrailtickets können wir die Fähre zwar nicht nehmen, aber es hätte einen Rabatt gegeben. Stattdessen haben wir uns für eine Fähre entschieden, die mit 2,5 Stunden zwar eine halbe Stunde länger braucht, die aber selbst ohne Rabatt noch preisgünstiger ist als die andere. Dass das allerdings so ein Riesenpott ist, hätte ich nicht erwartet. Wir Landratten staunen. Zehn Decks, da kann man sich verlaufen. Um 17 Uhr soll es losgehen, aber tatsächlich legt die Fähre schon etwa 10 Minuten früher ab und wir sehen Tallinn – die Stadt, in die wir uns verliebt haben – hinter einer langen Kielwasserspur langsam in der Ferne verschwinden. Sohn war noch nie auf einem so großen Schiff und ich vielleicht dreimal im Leben, so ist die Überfahrt ein echtes Erlebnis für uns und die meisten Zeit bleiben wir draußen und lassen uns den Wind um die Nase wehen. In der Fähre gibt es mehrere Restaurants und einen Supermarkt. Ich vermute, dass Bier und andere Alkoholika hier billiger sind als in Finnland, denn einige der Passagiere haben sich ganze Paletten an Dosen mit Gummispannern zusammengewickelt und an mitgebrachten Rollgestellen befestigt. Ich weiß gar nicht, ob die in Tallinn überhaupt an Land gegangen sind. Von Küste zu Küste sind es 88 km, darum überrascht es uns, dass man in der Mitte tatsächlich beide Küsten gleichzeitig sehen kann. Vor Helsinki kommen wir an der mächtigen Seefestung Suomenlinna vorbei, dicke Mauern auf einer eigenen Insel.







Vom Fährhafen in Helsinki fährt eine Straßenbahn, aber die ist mit dem Ansturm der Passagiere natürlich überfordert und so müssen wir eine ganze Weile warten, bis wir darin Platz finden (Am nächsten Tag werden wir feststellen, dass wir von hier aus auch bequem in die Stadtmitte hätten laufen können, aber was soll's). Tatsächlich funktioniert das Tarifsystem ähnlich wie in Tallinn und wir müssen einfach nur unsere Bankkarten an die Lesegeräte halte, um 80 Minuten lang fahren zu können. Nach Tallinn kommt uns Helsinki riesenhaft vor. Weite Häuserschluchten, große Fassaden, Säulen und Kirchen. Wir müssen einmal die Linie wechseln, dann erreichen wir unser Hotel im Norden der Stadt. Das Zimmer war günstig, darum denke ich erst, dass wir falsch sind, als wir das glänzende Foyer betreten. Ich sehe nochmal draußen nach – aber tatsächlich sind wir hier richtig. Und auch das Zimmer ist richtig edel.
Wir haben heute keine Energie mehr, um die Stadt zu erkunden, dafür werden wir morgen noch Zeit haben. Es ist auch schon spät. Wir besorgen uns bei einem arabischen Restaurant um die Ecke noch Kebab und einen Mezzeteller und machen es uns im Hotelzimmer gemütlich. Morgen nachmittag wird die Fahrt weitergehen – aber unser nächstes Reiseziel werden wir an dem Tag nicht erreichen.

