Mit der Bahn durch Europa – Tag 7

Riga – Valga – Tallinn

Dieser Morgen ist der wahre Luxus, denn wir können in der schönen Küche unserer Unterkunft in Riga ganz gemütlich frühstücken. Unsere Zugverbindung ist dieselbe, mit dem wir gestern hier angekommen sind – der LTG-Link, der einmal am Tag durch das Baltikum fährt, denn heute geht es nach Tallinn, der Hauptstadt von Estland 🇪🇪. Gegen halb eins, soweit wir uns erinnern. Wir können also in Ruhe packen und vielleicht noch nach wärmerer Kleidung schauen. Ich sehe nochmal auf die App und stelle fest, dass der Zug tatsächlich schon um 11.40 Uhr fährt. Uff, das hätte schief gehen können. Aber wir haben trotzdem noch genug Zeit, um gemütlich zum Bahnhof zu laufen. Unseren Proviant besorgen wir dort noch in einem Supermarkt. Sandwiches mit einem Brot, das zwar wie Knäckebrot aussieht, aber weich ist – und wirklich lecker, wie sich später zeigt. Dazu belegte Brötchen mit Lachs und Huhn. Die Preise sind für unsere Verhältnisse ziemlich günstig.

Der weißrote LTG-Link-Zug ist pünktlich da, überraschenderweise gibt es noch ausreichend Sitzplätze und wir richten uns gemütlich ein. Nach knapp zweieinhalb Stunden halten wir in Valga, kurz hinter der estnischen Grenze. Lettische Züge haben keine Zulassung für Estland, das hängt wohl mit unterschiedlichen Stromsystemen zusammen. Deshalb steigen wir hier wieder aus und müssen nicht lange auf den Zug der estnischen Bahngesellschaft Elron warten. Die Waggons sind orange mit dunkelgrauen Seitenstreifen und haben – das ist neu für uns – ein 2 + 3 Layout, also zwei Sitze auf der einen und drei auf der anderen Seite. Das funktioniert, weil die Waggons hier breiter sind. Wir laufen versehentlich in die erste Klasse, merken aber schnell, dass wir hier falsch sind. Blöd, denn inzwischen sind viele Sitze schon besetzt – wir finden aber dennoch zwei schöne Plätze. Als sich der Zug in Bewegung setzt, ertönt eine Willkommensansage in estnisch und ich beiße mich jetzt noch in den Hintern, dass ich zu perplex bin, um auf den Aufnahmeknopf zu drücken. Ich kann mich nicht erinnern, die Sprache schon einmal gehört zu haben und der Text wurde offenbar von einem Schauspieler eingesprochen – es klingt ganz unwahrscheinlich beeindruckend. Für mich jedenfalls. Also ob einer der Helden aus der Kalevala, dem finnischen Nationalepos, oder ein Elbenfürst aus dem Herrn der Ringe ein Gedicht aufsagt – wunderbar betont, es rollen die Konsonanten zwischen klaren Vokalen – ich bin ganz begeistert. Ich habe das Internet durchforscht, ob dies Ansage irgendwo zu finden ist – leider erfolglos.


Update: Ich habe die estnische Eisenbahngesellschaft Elron angeschrieben und nach einigem hin und her haben sie mir tatsächlich die Aufnahme zur Verfügung gestellt. Die sind toll da, die Leute und sie haben sich gefreut, dass mir das gefallen hat!  Ich habe hier ein kleines Video draus gemacht – ganz exklusiv für meine Leser.

Auf der Fahrt nach Tallinn füllt sich der Zug zusehends; unser Teil des Waggons wird von einer Klasse Grundschüler geflutet, aber sie benehmen sich gut. Und sie unterhalten sich in dieser fantastischen Sprache, ich werde ganz neidisch. Draußen ziehen weite Felder und Wiesen vorbei, dazwischen immer wieder kleine Wäldchen mit vielen Birken. Und je weiter wir nach Norden fahren, desto mehr dieser skandinavisch wirkenden Holzhäuser tauchen auf, oft in bunten Farben gestrichen und mit Fenstern in einer Kontrastfarbe. Wir sehen auch Bahnhöfe in diesem Baustil. Von Valga bis Tallinn fahren wir ungefähr dreieinhalb Stunden, dann endet die Reise für heute an einem Kopfbahnhof mit funktionalen Bahnhofsbau aus den 60er Jahren, der aber angenehm und frisch renoviert aussieht: Balti Jaam, der baltische Bahnhof.


Unser Hotel – das war diesmal die günstigste Alternative – ist am anderen Ende der Altstadt. Wir könnten die Straßenbahn nehmen mit unseren schweren Taschen, aber nach der ganzen Sitzerei im Zug laufen wir doch lieber quer durch die Stadt. Das erweist sich als weise Entscheidung, denn wer nur wenige Meter nach Tallinn hineinspaziert, der muss einfach sein Herz an diese Stadt verlieren. Tallinn ist 500 Jahre alt und es wirkt, als wäre die Zeit stehengeblieben. Sehr mittelalterlich, sehr maritim, verwinkelte Kopfsteinpflastergassen, gotische Kaufmannshäuser aus der Zeit der Hanse, trutzige Türme und Wehranlagen. Tallinn gilt als eine der am besten erhaltene mittelalterliche Handelsstadt des Nordens und selbst die wenigen Gebäude aus der Schweden- oder Zarenzeit der Stadt oder im Stil des stalinistischen Klassizismus fügen sich hier harmonisch ein. In den Gassen herrscht reges Leben und wir haben nicht den Eindruck, in einer Filmkulisse zu sein, sondern mal wieder in unserer Zeitmaschine. Es geht über einen wunderschönen, bunten Marktplatz und vorbei an Restaurants, die aussehen wie aus dem 15. Jahrhundert – vor einem, „Olde Hansa“ stehen sogar Mitarbeiter in mittelalterlicher Gewandung an einem alten Marktkarren. Wir haben heute noch den halben Tag Zeit und müssen morgen auch erst am Nachmittag weiter – genug Zeit also, diese Stadt zu erkunden. Unser Hotel ist in einem uralten Gebäude direkt am Rand der Altstadt, im Gang stehen sogar Deko-Ritterrüstungen und das Zimmer ist urig und sauber. Was will man mehr?

Wir verschnaufen ein halbes Stündchen und beschließen dann, mit der Straßenbahn an die Küste zu fahren, an den Strand von Kopli, nordwestlich der Stadt. Das Tarifsystem ist hier extrem einfach. Jeder Este hat eine eID, die digitale Bürgerkarte. Sie ersetzt Ausweis, Führerschein, Krankenkassenkarte, Bankkarte und Fahrschein. Man hält sie in der Straßenbahn an einen Leser und hat damit ein 1-Stunden-Ticket für 2 Euro gelöst. Kein Ticket, kein Papier. Man kann die Karte in jeder Bahn an den Leser halten und sieht dann, wie lange der digitale Fahrschein noch gilt – wenn er abgelaufen wird, wird dabei automatisch eine neues Digtalticket gelöst. Mit unseren deutschen Bankkarten funktioniert das ebenso – frappierend einfach. Für Einwohner von Tallinn ist der Nahverkehr übrigens kostenlos.

Die Straßenbahn fährt um die Altstadt herum und wir sehen ein Stadtviertel mit zahlreichen bunten Holzhäusern – das schauen wir uns morgen nochmal an. Wir laufen von der Straßenbahn aus über eine stillgelegte Bahnschiene durch Gebüsch bis an den Strand. Im Gegensatz zu gestern in Jūrmala ist es fast windstill und auch wärmer. Vielleicht war es doch gut, das wir keine Pullover gekauft haben. Der Strand ist allerdings nicht da – stattdessen ist am Rand der Bucht von Tallinn eine Art Pflanzerde angehäuft, so als solle Strandhafer oder ähnliches hier Wurzeln schlagen. Wir bewundern ein paar neugebaute Wohngebäude, die sehr schön und im Stil der estnischen Holzhäuser gebaut worden sind. Mit der Straßenbahn fahren wir ein Stück nach Osten, wo es einen Anleger für Boote zu geben scheint.


Und so geraten wir eher zufällig an die Überreste der „Linnahall“. Die als „Wladimir-Iljitsch-Lenin-Palast“ zu den Olympischen Spielen 1980 gebaute Multifunktionshalle (hier fanden damals die Segelwettbewerbe statt) ist heute eine gigantische, in Beton gegossene Narbe im Stadtbild. Ein bröckelnder Lost Place im Riesenformat, an dem sich abends junge Leute tummeln, Musik hören oder machen, trinken und komische Sachen rauchen. Die Halle mit großem Aufmarschplatz wirkt wie ein abgestürztes Raumschiff aus Star Wars. Traut man sich, die maroden Treppen zu erklimmen, hat man allerdings eine wundervolle Aussicht auf den finnischen Meerbusen im Norden und Tallinn im Süden – sogar einige Hochhäuser, die wir vorher nicht gesehen haben, widerspiegeln das Sonnenlicht und blenden uns. Ein Fischerboot hat an einem Betonkai angelegt und auf dem Steg sitzt ein Mann und angelt – ein schönes Bild in der tiefstehenden Sonne. Eine Art DJ steht unterhalb der Treppe und spielt eine Kombination aus Rap, Techno und  Versatzstücke eines esoterischen Vortrags in US-Englisch ab. Wild. 

Der Sonnenuntergang ist hier im Norden erst gegen 22 Uhr Ortszeit und wir sind durch die Zeitumstellung ohnehin nicht so ganz im Tagesablauf. Als wir über Umwege wieder in der Altstadt sind, sehen wir ein interessantes Restaurant mit lauter verschiedenen Sorten Pelmeni – gefüllte Teigtaschen, die im Baltikum und Russland populär sind. Aber leider hat die Küche schon zugemacht und auch sonst sind wir wohl zu spät dran. Das beschert uns die seltene Erfahrung, in unserem Hotelzimmer ein Abendessen aus einem estnischen MacDonald's zu uns zu nehmen. Der Kassenzettel macht es zum exotischen Erlebnis: Snäkikarp, Mee-sinepikaste, Friikartulid (väike), Krõbedad kanalaad und ein Caesar Kröbe. Wann hat man das schon!


(Und sorry für die vielen Bilder, aber das ist Tallinn und da ist man einfach machtlos. Morgen gibt's noch mehr).