Mit der Bahn durch Europa – Tag 10
Ostsee – Stockholm
Wir erwachen auf See – und man sollte erwarten, dass es ohne Fenster in der Kajüte dunkel sein müsste. Aber irgendein schlauer Mensch hat die orange leuchtenden Lichtschalter direkt am Kopfende der Betten platziert, so dass ich in der Nacht meine Schlafmaske nochmal herauskramen musste. Wo sind wir eigentlich? Es sind wirklich viele Treppen zu bewältigen, bis wir an Deck kommen, aber der Anblick lohnt sich. Über Nacht hat das Schiff auf Åland angelegt, ohne dass wir irgendetwas davon bemerkt haben. Und nun haben wir schon die Engstelle zwischen Furusund und Köpmanholm hinter uns gelassen und befinden uns im Schärengarten vor Stockholm. Wer sich das mal auf der Karte ansieht, wird feststellen, dass Stockholm nicht direkt am offenen Meer liegt – es ist eine wahre Zickzackfahrt zwischen den ganzen kleinen Inselchen, die unser Schiff zurücklegen muss, um die Stadt zu erreichen. Die Wolkendecke reißt zusehends auf und wir sehen grüne Inselchen, rote Schwedenhäuschen mit weißen Fenstern und schwedischen Flaggen davor – ein Anblick wie im Bilderbuch und wunderschön. Hej Sverige!

Unsere Handys haben sich schon wieder auf Mitteleuropäische Sommerzeit umgestellt. Wir hatten gestern abend noch überlegt, nach welcher Zeitzone sich eigentlich der Wecker richtet und haben ihn sicherheitshalber auf halb sieben gestellt. Gegen zehn Uhr soll unser Schiff ankommen, also haben wir alle Zeit, um auf dem fast noch menschenleeren Deck die Navigation durch die Schären zu erleben. Vor 37 Jahren oder so – ist das wirklich so lange her? – war ich mal mit ein paar Ruderbotten voller Pfadfinder etwas südlicher von hier zwischen den Schären unterwegs. Wehe, man nimmt den Blick von der Karte, denn vom Wasser aus sehen sich die vielen Inseln so ähnlich, dass man sich unweigerlich verirrt. Ich gehe aber zuversichtlich davon aus, dass unser Kapitän da über bessere Möglichkeiten verfügt.
Genug der Frischluft, es ist Zeit fürs Frühstück. Der Raum für das Buffet ist groß und noch finden sich genug Plätze. Direkt am Fenster ist zunächst nichts mehr frei, aber wie ziehen später um und haben dann die perfekte Aussicht. Es fühlt sich einfach unfassbar luxuriös an, bequem an den grünen Schären vorbeizugleiten, während uns von den Tellern Eier, Würstchen und Fleischbällchen anlächeln, bevor sie Fisch oder Zimtschnecken mit Pfannkuchen Platz machen. Und es gibt einen hervorragenden Kaffee; auf den habe ich während unserer Reise oft verzichten müssen. Für die nächsten Stunden wir jetzt erstmal gesättigt. Herrlich.
Gegen viertel vor zehn kommt Stockholm in Sicht. Pünktlich zu unserer Ankunft kommt die Sonne wieder heraus und auf Steuerbord blinken die Türme der Fahrgeschäfte von Gröna Lund, dem Vergnügungspark auf Djurgården, bevor die Skyline der schwedischen Hauptstadt sich vor uns ausbreitet. Ich bin nicht zum ersten Mal in Stockholm, aber für Sohn ist das Neuland. Unser Entdeckergeist ist schon wieder erwacht. Die Anlegestelle ist ein Stückchen von der Innenstadt entfernt und als wir von Bord gehen, stellen wir fest, dass nun, in der hellen Sonne, wieder T-Shirt-Wetter herrscht. Wir wollen unser Gepäck erst in unserer nächsten Bleibe abstellen, aber die knapp zweieinhalb Kilometer mit schwerem Gepäck erweisen sich als schweißtreibend.





Auf der Suche nach einer Unterkunft, die nicht allzu weit vom Hauptbahnhof entfernt ist, hatten wir zunächst nur Hostel mit Mehrbettzimmern gefunden und das wollten wir uns nicht antun. Aber dann entdeckte ich ein kleines Hotelschiff – Mälardrottningen – das direkt vor Riddarholmen, einer kleinen Insel an der Altstadt „Gamla Stan“ liegt (die ist auch auf einer Insel); zu Fuß nur einen guten Kilometer vom Bahnhof entfernt. Perfekt – und schon wieder eine Kajüte für heute nacht. Wir wandern am Stadsgårdsleden am Ufer entlang, überqueren eine Brücke und laufen unter einer Eisenbahnlinie durch eine U-Bahn-Station hindurch – und da liegt die Mälardrottning am Kai, ein hübsches, kleines Schiff, in dem es auch ein Restaurant gibt. Ein Blick auf die Preise genügt uns aber, um festzustellen: Hier werden wir nicht speisen. Einchecken können wir um diese Zeit noch nicht. Im Internet hatte sich jemand beschwert, dass sein Gepäck hier abhanden gekommen wäre, aber es gibt Schließfächer – und das sollte funktionieren.

Befreit vom Gepäck und überschüssiger Kleidung durchforschen wir die Gamla Stan mit ihren schönen Fassaden, all die kleinen Gässchen rund um die belebte Straße „Stora Nygatan“, die deutsche Kirche (die ist aber zu) und den Marktplatz „Stortorget“ mit dem Nobelpreis-Museum. Am Skeppsbrokajen gibt es sogar ein Restaurant namens „Zum Franziskaner“ und von hier aus können wir in der Ferne das Schiff sehen, mit dem wir heute früh hier angekommen sind. Um die Ecke ist ein Coop-Supermarkt, an dem wir unsere Getränkevorräte wieder ergänzen können. Es gibt hier in Schweden ein Pfandsystem, aber wir merken später, dass längst nicht alle Läden Pfandflaschen annehmen. Hier geht’s und das merken wir uns.
Über das Königliche Schloss, das – sorry, liebe Schweden – ein großer, aber ziemlich langweiliger Klotz ist, aber von Wachen in schmucken blauen Uniformen und goldverzierten Pickelhauben bewacht wird und den Reichstag gelangen wir über eine Brücke nach Norrmalm (sehr schönes Ufer-Panorama), das vermeintliche Festland nördlich der Gamla Stan, das aber vermutlich auch eine Insel ist. Alles ist hier Insel irgendwie und überall gibt es Brücken.





Hier auf Norrmalm ist das moderne Stockholm, der Hauptbahnhof, die Shoppingmeile Drottninggatan (Königinstraße) und ziemlich viel beeindruckende Architektur. Wir suchen nach einem günstigen Mittagessen, denn die Preise hier sind wirklich sehr heftig. Selbst in den großen Einkaufspassagen, die anderswo günstige Foodstände bieten, ist die Lage vertrackt. Bis wir auf die genialste Idee des Tages kommen: und so essen wir tatsächlich gut und günstig Köttbullar mit Kartoffelbrei und Erbsen in einem IKEA-Restaurant! Es gibt gerade ein Angebot zum Dessert – enthalten sind entweder zwei große Kanelbullar (leckere, schwedische Zimtschnecken) oder fünf kleine. Ich wähle ersteres, mein Jüngster die Alternative. Das Dumme ist: die sind noch nicht fertig und wir werden erstmal vertröstet. Endlich – die letzte Erbse ist längst verschwunden – bekommen wir unsere Tüten. Die Zimtschnecken sind noch warm und duften wunderbar – vor allem haben wir statt der Mini-Schnecken richtig große Teile bekommen. Insgesamt also 7 Stück, so dass wir bis zum Abend fürstlich versorgt sind.

In einer weiten Kurve gehen wir – diesmal über eine andere Brücke – zurück zur Altstadt, um in unserem Hotelschiff einzuchecken. Ja, unsere Taschen sind noch da. Die Kabine ist nett und größer als die auf der Fähre und wir können durch das Bullauge sogar die Riddarholmskirche sehen, die Ruhestätte der schwedischen Könige. Das einzige was nervt: es riecht in diesem Teil des Schiffes irgendwie feucht und etwas schimmelig und durch die Lüftung wird das in alle Kabinen geblasen. Wir schrauben das Bullaugenfenster, das mit großen, messingfarbenen Flügelmuttern gesichert ist, auf – und dann geht’s. Ansonsten ist es hier schön ruhig und die Kojen sehen bequem aus.



Mittlerweile hat es sich draußen etwas zugezogen und als wir nochmal in die Altstadt aufbrechen, um uns noch mit Snacks und Mitbringseln einzudecken, stehen wir plötzlich im Regen. Abends ziehen wir aber dann doch noch los, als es wieder trocken ist. Wir durchqueren den Kungsträdgården – einen großen Park – und laufen noch bis zum Königlichen Dramatischen Theater mit seinem goldglänzenden Portal. Auch hier stehen wir wieder am Wasser, aber so langsam verliere ich den Überblick. Abendessen gibt’s aus einem 7-Eleven – und weil der Laden bald schließt, bekommen wir vier Hotdogs zum Preis von zweien. Hauptsache gesund!
Morgen früh geht’s zum Hauptbahnhof und zum nächsten Ziel unserer Reise. Stockholm ist wunderschön. Und es wird nicht das letzte Mal gewesen sein, dass wir diese Stadt besuchen.

