Mit der Bahn durch Europa – Tag 11

Stockholm – Malmö – Kopenhagen – Kolding

Um viertel nach sechs verlassen wir unser Hotelschiff und machen uns auf den Weg zur „Centralstation“, dem Hauptbahnhof in Stockholm. Noch einmal am Riddarholmshamnen vorbei, noch einmal über die Eisenbahnbrücke mit Blick auf den roten Rathausturm. Wir haben genug Zeit, um im Bahnhof Vorräte zu besorgen, denn das wird heute eine längere Bahnfahrt. Wir werden mit dem Snälltåget, der neuen Schnellzugverbindung, bis nach Malmö im Süden Schwedens fahren und von dort aus weiter nach Dänemark 🇩🇰. Das sind über den Daumen gepeilt 800 km Strecke. Kurz nach sieben stehen wir am Bahnsteig. Unter der Zuganzeige erscheint ein Infotext, der offenbar unsere Linie von Stockholm mach Malmö betrifft. „Stopp i tågtrafiken mellan Norrköping och Linköping“ steht da, etwas von einem „omfattande signalfel“ und „Tågtrafiken beräknas återupptas kl. 10.00“. Das klingt nicht gut: es gibt irgendwo auf der Strecke ein Unterbrechung wegen einer Signalstörung, die bis zehn Uhr andauern soll, soweit ich das verstehe. Fahrplanmäßig müssten wir gegen neun in Linköping sein, da sehe ich ein Problem. Wir sind gar nicht sicher, ob unser Zug jetzt überhaupt fährt, aber dann läuft er doch pünktlich ein, ein silberner Schnellzug mit dem geflügelten Wappen der Schwedischen Bahn auf der Lok.

Die Verbindung ist reservierungspflichtig und so können wir ganz stressfrei unsere Plätze einnehmen. Neu ist der Waggon nicht, aber die grauen Stoffsitze mit den grünen Kopfschonern sind bequem und die Holztischchen sind endlich mal groß genug, um einen Laptop und ein Getränk gleichzeitig unterzubringen. Sanft ruckt der Zug an, wir fahren über genau die Brücke, die wir eben zu Fuß überquert haben, und sehen noch einmal den Riddarfjärden, das Gewässer westlich der Gamla Stan, das ich in völliger Ignoranz der Geographie gestern schon „Stockholms Binnenalster“ getauft habe. Wir lassen die Stadt hinter uns und rollen an Seen und kleinen Häuschen vorbei durch das Umland. Im Bistrowagen gibt es Kaffee und man darf sich so oft nachnehmen, wie man will. Das passt perfekt zu der ziemlich schwedischen Frühstückskombi Zimtschnecke – Punschrolle – Chokladbollar (so nennt man die Schokobollen hier), die ich im Coop-Markt im Untergeschoss der Stockholmer Centralstation erstanden habe. Die Punschrollen nennt der Schwede übrigens „Dammsugare“ – das heißt Staubsauger. Warum, dafür konnte mir auch das Internet keine wirklich plausible Erklärung liefern.

Hinter Södertälje wird der Zug langsamer und zweigt dann auf eine Nebenstrecke ab, die über einen Umweg – Katrineholm heißt der Bahnhof – in Richtung Norrköping weiterfährt. Vielleicht gibt's ja vor uns einen Bahn-Stau, den es zu umfahren gilt. Dann ertönt eine Ansage: wir dürfen nach Linköping fahren, aber ganz, ganz langsam („reducerad hastighet“ oder so ), weil die Signale noch gestört sind. Aber dann läuft alles gut. Wir haben zwar ca. eine halbe Stunde Verspätung, aber ab jetzt geht die Fahrt ohne Unterbrechung weiter. Wir halten in Hässleholm (klingt das nicht irgendwie schwäbisch?) und erreichen gegen viertel nach zwölf den Endbahnhof in Malmö. 


Hier kennen wir uns von einer früheren Reise ganz gut aus und so hasten wir ins Untergeschoss, wo der Öresundståg (bzw. Øresundstog auf dänisch) fährt – mit dem geht es über den Öresund nach Dänemark und in die Hauptstadt Kopenhagen. Wir sind die Strecke schon gefahren und sie ist spektakulär – der Zug startet in Malmö als U-Bahn und überquert dann auf einer hohen Brücke den Öresund, bevor er auf der dänischen Seite der Wasserstraße in einen Tunnel fährt, für den extra eine künstliche Insel angelegt worden ist. Nach dem Flughafen Kopenhagen geht’s wieder an die Oberfläche bis zum Hauptbahnhof. Seit die knapp 8 km lange Brücke im Jahr 2000 eröffnet wurde, sind das schwedische Malmö und das dänische Kopenhagen nahe aneinander gerückt. Es gibt nicht nur einen gegenseitigen Einkaufstourismus – ein Nebeneffekt ist auch, dass Malmös Flughafen kaum noch benutzt wird, weil der von Kopenhagen jetzt einfach näher ist.

Der Öresundzug im Bahnhof Malmö

Ich mag den Hauptbahnhof in Kopenhagen wegen seiner warmen Farben. Tritt man aus dem Eingang, steht man direkt vor dem Tivoli. Die Züge fahren einen Stock tiefer und so bietet die Halle Platz für Lädchen und Restaurants aller Art. Wir haben etwa eine Stunde Aufenthalt und gönnen uns einen Mittagssnack aus dem 7-Eleven in der Halle. Kopenhagen haben wir vor drei Jahren schon erwandert, so dass uns heute ein kurzer Blick vor den Bahnhof reicht. Um 13.59 Uhr Uhr soll unser Zug – ein deutscher EuroCity-Express nach Hamburg – uns zu der letzten Station auf unserer Reise, Kolding in Dänemark, bringen. Die Zeit auf der Anzeige ändert sich. Erst wird eine Verspätung von drei Minuten angezeigt, dann werden es fünf – und dann eine halbe Stunde. Als nächstes kommt eine Durchsage, dass wir von Gleis vier auf Gleis zwei wechseln müssen. Die Deutsche Bahn wirft ihre Schatten voraus! Statt des erwarteten ECE fährt dort aber ein kurzer, dänischer Gumminasen-Regionalzug ein. Wir sind verwirrt und ich frage einen Schaffner, ob das der Zug nach Kolding ist. Er meint „no“, aber ich bin nicht sicher, ob er mich verstanden hat. Hm? Nun gehe ich vor zum Lokführer und frage ihn, aber er zuckt mit den Schultern und scheint es nicht zu wissen. Plötzlich strömen die Menschen auf dem Bahnsteig in den Zug. Dann wieder heraus – und wieder hinein. Der Schaffner meint jetzt, das wäre doch der richtige Zug; der ECE aus Deutschland ist wohl verschwunden und die dänische Bahn setzt nun diesen Ersatzzug ein, der zumindest bis Padborg an der deutschen Grenze fahren soll, ab da fährt dann ein Schienenersatzverkehr nach Hamburg. Das wäre kein Problem für uns, denn wir fahren heute ja nur nach Kolding. Wir steigen ein, aber im Zug steht „Til Helsingør“ – und das wäre die genaue Gegenrichtung im Norden! Wir diskutieren mit anderen Fahrgästen, wohin der Zug nun fährt und ein Däne meint lapidar „let’s see“. Als der Zug endlich losfährt, macht sich Erleichterung breit – er fährt nach Süden! Nach etwa einer Viertelstunde ändert sich dann auch die Anzeige und nun fahren wir endlich ganz offiziell „Til Padborg“.


Die Fahrt durch Dänemark ist dann sehr schön. Die Strecke führt über den großen Belt nach Fünen und dann über den kleinen Belt nach Jütland. Wir sehen noch einmal die Ostsee, Schiffe und weiße Strände, grüne Wiesen und vermeintlich glückliche Kühe. Und wir witzeln, dass unsere Reise uns von der Memel an den Belt geführt hat. Da gab’s doch mal ein Lied …

Wir erreichen Kolding gegen 16.30 Uhr. Unser Hotel – ein schmuckes, weißes Haus – ist direkt schräg gegenüber vom Bahnhof, weil es morgen früh gleich weitergehen soll. Am Empfang meint die nette Dame, sie hätte ein Upgrade für uns. Und damit hat sie recht: unser Zimmer im vierten Stock ist eher eine Suite – hell, geräumig, zwei riesige Betten – und im Bad gibt es nicht nur zwei Waschbecken, sondern auch noch eine Whirlpool-Badewanne! Außerdem ist das unsere einzige Übernachtung mit Frühstück, weil das einfach im Angebot mit drin war. Wir müssen also keinen Proviant mehr besorgen, dafür haben wir morgen in Hamburg bestimmt noch genug Zeit.

Kolding hatten wir als Zwischenstation eingeplant, weil es direkt an der Nord-Süd-Bahnline nach Deutschland liegt. Odense wäre die größere Stadt gewesen, aber wir wollen morgen nicht so unendlich lange unterwegs sein. Aber wir sind neugierig – so ziehen wir nochmal los, um uns Kolding anzusehen. Ich muss ehrlich gestehen, dass ich die Stadt total unterschätzt habe. Kolding ist total süß, es liegt am Koldingfjord, hat eine Königsburg direkt an einem schönen See und in der Innenstadt gibt es Kopfsteinpflasterstraßen und wunderschöne Backsteinhäuser, darunter auch ganz hochinteressante Fachwerkbauten aus dem 16. Jahrhundert. Wir gehen noch eine ganze Weile spazieren, bevor wir uns dann mit zwei Pizzas aus dem Laden gegenüber auf unser Hotelzimmer verziehen.


Wir schlafen gut in dieser Nacht und sind überzeugt, dass sich unserer Bahn-Durcheinander von heute kaum noch toppen lässt. Ob wir damit wohl recht behalten?