Mit der Bahn durch Europa – Tag 12
Kolding – Hamburg-Altona – Hamburg Hbf – Stuttgart – Waiblingen – Schorndorf

Eigentlich dachte ich, ich könnte mir den Bericht über den zwölften Tag unserer Tour sparen und stattdessen eine Zusammenfassung der Reise posten. Wir setzen uns in einen Zug, steigen um und sind zuhause. Da passiert ja nichts. Nun – da sollte ich mich täuschen.



Morgens um halb sieben sitzen wir in dem hübschen Hotel in Kolding beim Frühstück, die Sachen gepackt und schon ausgecheckt, weil unser Zug – wieder ein Eurocity Express nach Hamburg – um 7.15 abfahren soll. So haben wir noch ein halbes Stündchen Zeit, das Buffet zu genießen. Schließlich laufen wir gut gesättigt und froh gelaunt – es regnet – über die Straße zum Bahnhof. Unser Zug steht bei „Departures“ – allerdings wird schon die Abfahrtszeit nun mit 8.35 angegeben – 80 Minuten Verspätung, bevor der Zug überhaupt da ist! Da hätten wir uns ja noch viiiel Zeit für das Frühstück nehmen können. Aus 80 Minuten werden 94. Allmählich füllt sich der Warteraum mit gestrandeten Fahrgästen. Der Zug, der eine Stunde später nach Hamburg fahren solle – ein Railjet – hat nur 18 Minuten Verspätung. Damit fährt er früher ab als der davor. Wir schnappen uns unsere Interrail-Apps und buchen die Bahnverbindung um. Als der Zug kommt, ist er nicht besonders voll und wir finden problemlos Platz. Wir sind verblüfft, denn die blaugestreiften Wagen kommen uns bekannt vor und auf den Kopfstützen steht „České dráhy“ – wir sitzen wie am ersten Tag der Reise in einem tschechischen Waggon. Der Railjet gehört zu einer Linie, die Kopenhagen über Hamburg und Berlin mit Prag verbindet – auch wenn dieser Zug nur bis Hamburg fährt. Ich liebe diese Kopfstützen übrigens: die sind geformt wie ein Ohrensessel und man kann wunderbar darin dösen.

Kurz nach neun Uhr überqueren wir die Grenze nach Deutschland. So gegen zehn sehen wir bei Rendsburg eine beeindruckend geschwungene Brückenkonstruktion auf der Seite. Kurz danach geht es nach oben und wir sehen weit unter uns einen Wasserweg. Wir realisieren erst jetzt, dass wir da unsere eigene Bücke gesehen haben, denn der Zug dreht hier eine Schleife, um auf die nötige Höhe zu kommen und den Nord-Ostsee-Kanal zu überqueren.
Wenn alles klappt, sind wir kurz nach elf in Hamburg. Es gäbe einen ICE nach Stuttgart um 11:23 Uhr – aber da gibt es ein kleines Problem: Unser Zug endet in Hamburg-Altona, der ICE fährt aber vom Hauptbahnhof ab. Ob wir das schaffen, ist also mehr als ungewiss. Die Alternative wäre eine Verbindung mit zweimal umsteigen in Frankfurt oder über Karlsruhe, wo wir in einen sehr elenden Regio mit garantierter Verspätung umsteigen müssten (den kennen wir schon) – nicht ideal. Oder wir warten auf den nächsten ICE, aber der ginge erst um 12.44 Uhr und wir wären kaum vor 20 Uhr zuhause.


In Altona gehen wir aufs Ganze: kaum öffnen sich die Türen, sprinten wir mit unseren schweren Rucksäcken über den Bahnsteig, folgen den grünen S-Bahn-Schildern, rennen Rolltreppen hinunter und springen in die erste S-Bahn, die dort steht. S1 Richtung Flughafen, das müsste passen. Sohn studiert die Bahn-App: unser ICE hat sieben Minuten Verspätung, den könnten wir noch erreichen! Die S-Bahn fährt die längere Strecke über Landungsbrücken und Jungfernstieg, aber es hätte ja kaum Sinn gemacht, auf eine andere S-Bahn zu warten. Sohn starrt auf einmal entgeistert auf sein Handy – die Bahn-App hat die Verspätung wieder herausgenommen und der ICE fährt JETZT! Egal, was soll's – dann haben wir in Hamburg wenigstens Zeit, noch etwas zum Essen zu kaufen. Wir wollen aber trotzdem erst zum Gleis laufen, vielleicht können wir dem Zug ja noch nachwinken. Hauptbahnhof. Raus aus der Bahn, die steile Treppe hoch. Ich sehe, dass Sohn versehentlich jemanden mit seinem Rucksack anrempelt, als er abbiegt. Sorry! Ich renne ihm nach, eine andere, lange Treppe hinunter. Dort steht ein ICE mit offenen Türen. Ein kurzer Blick: Stuttgart HBF. Ich japse die letzten Schritte den Bahnsteig entlang, wir steigen ein, die Tür schließt sich piepend – und noch während wie im Gang stehen, setzt sich der Zug in Bewegung. Mit läuft der Schweiß über die Stirn. Wir haben es geschafft! Wir sind im richtigen Zug, was soll jetzt noch passieren?
Das ist übrigens keine gute Frage. „Was soll jetzt noch passieren?“ Gar keine gute Frage. Das wollte ich an dieser Stelle nur mal anmerken.
Wir wollen uns Plätze suchen – aber die gesamten Reservierungsanzeigen sind ausgefallen. Wir gehen ein paar Wagen weiter, aber überall dasselbe: die Anzeigen sind komplett dunkel. Wir haben also keine Ahnung, welche Sitze wann besetzt sind. Wir suchen uns auf gut Glück zwei Tischplätze und warten ab – weiterziehen können wir ja immer noch und zunächst mal sitzen wir. Stunden später – ich glaube es ist hinter Osnabrück – leuchten die Anzeigen alle wieder auf und jetzt wissen wir, dass wir zumindest bis Bochum hier sitzenbleiben können. Drei Waggons weiter finde ich zwei freie Plätze ohne Reservierung und wir ziehen um. Wir sind in den letzten Tagen wirklich viele Züge gefahren, aber so unangenehm eng hat sich noch keiner angefühlt. Die Sitze sind schmal und der Abstand zum Vordersitz ist so nah und das Ausklapptischchen so kurz, dass ich nur mit Mühe am Tablet schreiben kann. Irgendwann hinter Dortmund werden wir hungrig, aber wir hatten ja keine Gelegenheit, Proviant zu besorgen und die Restbestände an Kartoffelchips sind längst vertilgt. Der Bistrowagen ist fünf Wagen weit weg und ich mache mich auf den Weg, um uns Beute zu erjagen. Es gibt Baguettes, belegt mit Schinken und Käse. Sie sind preislich ok und ich bekomme sie sogar warm – die Portion ist gut und sie schmecken auch gar nicht übel. Wir erreichen Köln und sehen die Hohenzollernbrücke und den Dom neben dem Hauptbahnhof.

Das ist das einzige Bild, das wir von Hamburg machen konnten. Für mehr war dort keine Zeit.



Um kurz vor fünf Uhr nachmittags erreichen wir den Frankfurter Flughafenbahnhof mit nur leichter Verspätung. Aber dann kommt die Durchsage, dass es irgendein technisches Problem gibt und die Lok muss neu hochgefahren werden, sonst könnten wir die Fahrt nicht fortsetzen. Schon wieder. Das dauert eine Weile – und dann kommt eine neue Durchsage. Ob es an Bord einen Arzt oder Rettungssanitäter gäbe, es hätte einen Vorfall im Bistrowagen gegeben und es sei dringend. Später folgt eine weitere Durchsage – es gäbe einen medizinischen Notfall und man warte auf den Rettungsdienst. 10 Minuten später wird das wiederholt. Und Fahrgäste, die Richtung Mannheim wollten, könnten auch umsteigen, meint die Stimme. Wir sind unsicher, was wir tun sollen. Umsteigen und dann eventuell auf irgendeinem Bahnhof stranden? Wissen wir, ob die anderen Züge pünktlicher sind? Wir beschließen, einfach sitzen zu bleiben und abzuwarten. Später kommen einige der Fahrgäste, die ausgestiegen sind, zurück – der Zug nach Mannheim ist wohl nicht gekommen. Und überhaupt herrscht am Bahnhof ein Durcheinander, weil unser Zug ein Gleis blockiert. Eine neue Durchsage fordert die Fahrgäste auf, in den hinteren Zugteil zu gehen, vorne wäre es zu voll und so könne man nicht fahren. Und dann – es ist unglaublich – setzt sich unser Zug in Bewegung. Es ist viertel nach sechs und wir fahren Richtung Mannheim nach Süden.
Stuttgart Hauptbahnhof, 19:40 Uhr. Wir sind heilfroh, hier zu sein. Und wir erwischen sogar noch den nächsten MEX (das sind hier die Regionalbahnen) nach – Waiblingen. Eigentlich müssen wir nach Schorndorf und normalerweise fährt der MEX auch dorthin. Aber nicht heute, da fährt ab Waiblingen ein Bus-Schienenersatzverkehr, denn die Deutsche Bahn hat für Stuttgart 21 Kabel verlegen lassen, bevor sie sicher wusste, welche Kabel eigentlich verlegt werden sollen. Die Strecke war damals wochenlang gesperrt. Dann wurde die Strecke erneut gesperrt, weil sich herausgestellt hatte, dass alle Kabel wieder herausgerissen werden müssen, weil es die falschen waren. Dann stellte man fest, dass die neuen Kabel dicker sind und nicht in die Kabelschächte passen … – wie auch immer. Thank you for travelling with Deutsche Bahn. Als der Bus endlich kommt, sind wir heilfroh. Und als die Ansage vom Busfahrer kommt, dass alle, die keinen Sitzplatz haben, wieder aussteigen müssen, weil er sonst nicht losfährt, quetschen wir uns mit unseren großen Taschen geschwind in die letzten Lücken. Wie fiebern noch, ob der Ersatzverkehr es rechtzeitig bis Schorndorf schafft, denn wenn wir den Bus nach Welzheim verpassen, müssen wir eine Stunde lang warten. Aber tatsächlich haben wir Glück – wer sagt’s denn. Es ist Viertel nach neun. Wir sind zuhause. Nach zwölf Tagen und 5.250 Kilometern, insgesamt neun Ländern und acht Hauptstädten. Und der Erfahrung, dass Interrail das beste seit der Erfindung der Crème brûlée ist.


