Mit der Bahn durch Europa – Tag 4
Warschau
Auch wenn wir nicht gut geschlafen haben - es ist schön, nicht früh aufstehen zu müssen, weil irgendein Zug erreicht werden muss. Wir wollen uns die Warschauer Altstadt zuerst ansehen, bevor die Touristengruppen sie überschwemmen. Eine 24-Stunden-Karte für den Nahverkehr kostet 15 Euro. Ein kleiner Pappstreifen, den man wie bei der Pariser Metro an den Sperren durch einen Automaten flutschen lässt. Beim ersten Mal wird er entwertet - diesmal achte ich ganz besonders auf die Modalitäten.
Warschau hat nur zwei kreuzförmig angelegte U-Bahn-Linien, die sich in der Stadtmitte treffen, aber das System ist modern und wirklich schnell. Außerdem gibt es unzählige Straßenbahnlinien und Busse, so dass man damit ganz gut herumkommt. Mit dem Auto würde ich hier ungern fahren - wir haben nachts vom Balkon aus mehrere private Autorennen gesehen. Die kennen hier kein Halten.



Mit der U-Bahn geht es nach Śródmieście in die Warschauer Innenstadt. Abseits der glitzernden Shoppingmalls und Wolkenkratzer finden wir die Nowy Świat - eine Straße, die eher wirkt wie der gemütliche, aber sehr lebendige Boulevard einer Kleinstadt mit Läden und Restaurants aus aller Herren Länder und vielen jungen Leuten. Den Kontrast dazu finden wir im Stadtteil Praga auf der anderen Seite der Weichsel im Osten. Hier mischen sich Plattenbauten und alte Vorkriegsarchitektur mit Kunstgalerien, und kreativen Wandmalereien. Von bunt und kreativ bis zu völlig heruntergekommen reicht die Palette, aber ganz offenbar wird das Viertel mit neuem Leben gefüllt. Warschau ist ohnehin eine Stadt der Kontraste. Grau und bunt, alt und jung, verwittert und mondän. Eine Stadt, die vieles mitmachen musste, die sich aber behauptet hat. Warschau ist keine Stadt zum Liebhaben - das ist natürlich meine ganz persönliche Ejnschätzung - aber es ist eine spannende und faszinierende Stadt; es lohnt sich, sie zu sehen.
Nach einer kurzen Erholungspause in unserer „Platte“ geht es zu Fuß zur alten Markthalle Hala Koszyki, die heute einen Food Court beherbergt. Sauber, modern, luxuriös, international. Nett anzusehen, aber bis auf ein paar Getränke in einem kleinen Supermarkt kaufen wir hier nichts und beschränken uns auf die Besichtigung. Das Publikum ist hip und gut gekleidet - wieder eine andere Facette dieser Stadt.

„Altstadt“ ist relativ - nach dem Warschauer Aufstand gegen die Nazi-Besatzung zerbombte die Deutsche Wehrmacht in einer Racheaktion 85 % der Stadt. Das meiste musste also mühevoll rekonstruiert werden. Dabei wurden unter anderem Warschauer Stadtansichten des italienischen Malers Bellotto zu Hilfe genommen, die dieser im 18. Jahrhundert fast fotorealistisch gemalt hatte. Die polnischen Restauratoren haben unglaubliches geleistet und sind heute weltweit gefragt, wenn Altbauten irgendwo möglichst originalgetreu instand gesetzt oder rekonstruiert werden sollen. Dadurch, dass große Teile der Restauration schon Jahrzehnte zurückliegen, haben die Häuser inzwischen „Patina“ angesetzt und wirken dadurch extrem authentisch - es ist den Nazis letztlich nicht gelungen, die Warschauer Altstadt ihres Stadtbildes und damit auch ihrer Kultur zu berauben.
Die bunten Kaufmannshäuser um den Marktplatz mit der steinernen Meerjungfrau - dem Wahrzeichen Warschaus - in der Mitte der Stare Miasto (Altstadt) haben Atmosphäre, auch außenherum fühlen wir uns durch die dicken Stadtmauern ins 15. Jahrhundert versetzt. Hier finden wir eine kleine Gedenkstätte an das lange verschwiegene Massaker von Katyn, bei dem die Sowjets 1940 Tausende gefangener Polen ermordet haben. Wir handhaben es hier wie in allen Städten, die wir besuchen: ich habe mich im Vorfeld zwar über interessante Sehenswürdigkeiten informiert und kleine Stadtpläne mit Markierungen erstellt, wir folgen aber nur dem spontanen Impuls und müssen nichts „gesehen haben“. Kein Zeitdruck, kein „da müssen wir aber noch hin“ - und so kommen wir auf unseren Stadtwanderungen auch in die kleinen Sträßchen hinter den bekannten Sehenswürdigkeiten und atmen die Atmosphäre der jeweiligen Stadt. (Ich muss hier vieles weglassen, weil die Texte ohnehin schon viel zu lang sind, dafür bitte ich um Entschuldigung). Wir wandern weiter nach Westen, am Denkmal für den Warschauer Aufstand und dem Krasiński-Garten vorbei, der wie ein kleiner Hyde-Park in der Großstadt wirkt. Sohn möchte die Westfield-Arkaden sehen, die bei ihrer Eröffnung 2004 die größte Shopping-Mall Europas war. Wir nehmen die Straßenbahn, sehen uns um und essen günstig und gut in einem thailändischen Schnellrestaurant. Ich hätte gerne noch das POLIN-Museum über die Geschichte der polnischen Juden gesehen, das ehemalige Ghetto und auch einige Kirchen und Museen besichtigt, aber das lässt sich einfach nicht in so einen Tag quetschen und ich muss eben mal wiederkommen. Man weiß sonst am Abend gar nicht mehr, was man eigentlich alles gesehen hat.



Was jetzt natürlich noch fehlt, ist der Kultur- und Wissenschaftspalast, jener Wolkenkratzer aus stalinistischer Zeit, der die Stadt überragt. Wir wollen sehen, ob man da hoch kann. Mit der Straßenbahn ist es nicht weit und dann stehen wir am Fuß des Riesenbaus. Dort ist ein kleiner, netter Park (mit einem sehr anrührendem Denkmal für Janusz Korczak) und eine große Baustelle, so dass wir den Eingang nicht gleich finden. Aber dann stehen wir in dem Palast, der unter anderem ein Kino, ein Postamt und - natürlich - ein Evolutionsmuseum enthält und dürfen für einen bezahlbaren Eintritt einen der goldenen Aufzüge in den 30. Stock nehmen, wo sich die Besucherterrasse befindet. In Warschau witzelt man, dass der Ausblick von hier der schönste wäre - vor allem, weil man von hier aus den Stalinbau selbst nicht sehen könne. Aber tatsächlich ist das Panorama einzigartig und wir können auf die Stadt selbst und weit in die Ferne hinaus sehen. Mehrere Schulklassen sind inzwischen eingetroffen - lärmende, fröhliche Grundschüler, die je nach Klasse mit verschiedenen Warnwesten oder roten Mützchen ausgestattet sind und die Fenster belagern. Als wir wieder nach unten wollen, stellen wir fest: das dauert ein bisschen, denn auch die Schulklassen stehen Schlange am Aufzug. Das gibt mir immerhin Gelegenheit, das goldglänzende Interieur des Palastes zu inspizieren.

Heute abend wird geschlemmt. Wir besuchen das Hard Rock Café in der Nähe des Hauptbahnhofs, die Gelegenheit hat man nicht so oft. Dafür weiß ich spätestens jetzt, dass man mit vollen Bauch schlecht schläft. Die Fenster lassen sich auch nicht wirklich verdunkeln, aber ich hatte in weiser Voraussicht eine Schlafmaske eingepackt, die schon seit Jahren ungenutzt im Schrank herumlag. Und hey, das funktioniert ganz gut. Kurz vor neun müssen wir morgen am Bahnhof sein - das Abenteuer geht weiter.

