Mit der Bahn durch Europa – Tag 3
Prag – Krakau – Warschau

Unser Zug geht heute erst nach neun Uhr, so dass wir genug Zeit haben, noch ein paar Sandwiches im nahegelegenen Carrefour-Markt zu besorgen, bevor wir mit der U-Bahn zum Hauptbahnhof fahren. In der Bahnhofshalle steht ein Klavier, auf dem jeder spielen darf, der will. Es ist ein bisschen verstimmt, aber das stört Sohn nicht, als er in die Tasten greift und seine „Abschiedshymne“ für Prag spielt. Dass dem Piano einzelne Töne fehlen, bringt ihn dann aber doch ein bisschen aus dem Konzept. Schließlich nehmen wir die Treppe nach oben, wo schon unser Leo Express steht - der uns nach Krakau in Polen 🇵🇱 bringen wird. Leo ist eine tschechische Bahngesellschaft, die der spanischen Bahn Renfe gehört. Drinnen ist noch Frau mit Staubsauger unterwegs, aber schließlich öffnen sich die Türen und wir dürfen einsteigen. Hier ist Reservierungspflicht und es fühlt sich schon fast luxuriös an, dass wir unsere Plätze sicher haben. Der Zug ist nicht lang, aber bequem, auch wenn es ein bisschen warm ist. Und so fahren wir durch das weite Land, die mitgebrachten - mit Pflaumenmus gefüllten - Kolatschen verzehrend. Felder ziehen an uns vorbei, sonnenbeschienene Wälder und Dörfchen, es ist sehr flach und man kann weit zum Horizont sehen.


Hinter Ostrava überqueren wir die polnische Grenze. Kleine Bahnhöfe ziehen vorbei, aber der Express hält nicht überall. Chybie, Zabrzeg, Czechowice-Dziedzice: was für deutsche Augen aussieht wie eine Ansammlung von Konsonanten - und so hört sich das auch an, wenn wir versuchen, es auszusprechen - klingt im polnischen ungemein melodiös (um Siegfried Lenz zu zitieren). Sohn, der sich unter anderem stark für Sprachen interessiert, lernt im Zug mal schnell die Ausspracheregeln und es zeigt sich, dass er gar nicht so falsch liegt. Jawiszowice-Jaźnik, Brzeszcze – und dann hält der Zug.
Ein kleiner, verschlafener Bahnhof in der prallen Sonne. „Oświęcim“ sagt das Schild auf dem Bahnsteig. Auschwitz. Ich wusste, dass die Strecke hier entlang führt, aber jetzt rasen die Gedanken durch meinen Kopf. Ich sitze hier im weichen Sitz, futtere Süßgebäck und trinke Zitronentee, draußen grüne Wiesen, Bäume, kleine Häuser - ein Bild des Friedens. Und doch spüre ich das Grauen und mir stockt der Atem. Hier hat man über eine Million Menschen aus den Zügen getrieben, hier geschah unvorstellbares Leid und hier endete die letzte Fahrt meiner eigenen Urgroßmutter. Und jetzt bin ich an diesem Ort. Irgendwie fühlt es sich falsch an, hier so bequem vorbeizureisen. Aber ich kann die Vergangenheit nicht ändern - ich kann nur versuchen, dazu beizutragen, dass dieser Teil der Geschichte nie wieder einen Reim findet. Und ganz ehrlich: ich werde wütend, wenn ich höre und vor allem lese, es müsse doch mal Schluss sein und man solle sich doch auf die heroischen Teile unserer Geschichte konzentrieren. Womit soll denn Schluss sein? Auf allen meinen Reisen ist mir nie jemand begegnet, der mir persönlich die Schuld für Dinge gegeben hat, die vor meiner Geburt stattgefunden haben. Jene, die dauernd von einem „Schuldkult“ faseln, haben diesen angeblichen Kult doch selbst erst erfunden.


So funktioniert Geschichte einfach nicht. Man sortiert nicht irgendwann die Teile heraus, die einem gefallen und wirft die anderen ins Körbchen. Geschichte hat stattgefunden und sie findet weiterhin statt und jeder Schritt, den wir tun, hat unaustilgbare Auswirkungen und lässt sich nicht ungeschehen machen. Wer denkt, dass die Welt uns erst dann wieder mag und respektiert, wenn wir es geschafft haben, alle vergessen zu machen, was geschehen ist, irrt - wenn die Welt uns respektiert, dann eben, weil wir NICHT vergessen haben und weil wir versuchen, die richtigen Lehren aus der Geschichte zu ziehen. Und dabei ist eigentlich noch zu gnädig: es genügt ja ein Blick in die Kommentarspalten des Unsocial Network, wenn zwischen „Es waren niemals sechs Millionen“, „Selber schuld“, „Die Wehrmacht kämpfte auch nur für ihr Land“, „Der Maler aus Österreich wusste schon was er tat“ und „Fight Zionism“ der braune Bodensatz fröhliche Urständ feiert. Wir beide werden auf unserer Fahrt ständig mit der Geschichte konfrontiert. Ob es Ortsnamen oder Flüsse sind, Denkmäler oder Friedhöfe: Geschichte ist präsent, sie ist überall und das ist auch gut so. Der Zug setzt sich in Bewegung. Tränen der Trauer mischen sich mit Tränen der Wut und ich habe keine Taschentücher dabei, das ist mir peinlich.

Kontrast: Unser Zug endet in Krakau, wo wir eine Stunde Aufenthalt haben. Die wollen wir nutzen, um wenigstens ein bisschen was von der Stadt zu sehen. Der Weg aus dem Bahnhof führt durch eine riesenhafte, blitzende und blinkende Shoppingmall. Hier werden wir später Fourage organisieren; überall werden „Kanapis“ - lecker belegte Brötchen und Sandwiches - und andere Leckereien angeboten. Und es gibt Bajgiel oder die ähnlichen, gedrehten Obwarzanek. Beides Gebäcke in Ringform. Der Baigiel ist die Urform des Bagel, wie wir ihn heute kennen, denn hier in Krakau soll er in der jüdischen Community erfunden worden sein. Auf dem Weg in die Altstadt bewundern wir die Fassaden der Häuser: viel alte Pracht, dazwischen Jugendstil, und das in unterschiedlichen Stadien des Erhalts bzw. der Renovierung. Die Stadt hat Charakter, das steht fest. Die Altstadt ist von einem grünen Wall aus Bäumen umgeben, dort wo früher mal die Stadtmauer war. Vor dem Stadttor sitzt das aus roten Ziegeln erbaute Verteidigungsbollwerk, der Barbakan. Direkter dahinter öffnet sich der Blick auf die spektakuläre Altstadt. Wundervolle Fassaden, alte Gassen, Kopfsteinpflaster, „Lody“-Buden (Eis) und Touristenschwärme. Fast bedauern wir, dass unsere Reise nicht einen Tag länger ist, denn hier hätte es sich wirklich gelohnt, Station zu machen. Und die Idee einer mehrtägigen Polentour, irgendwann mal, gewinnt Gestalt. Aber wir müssen durch die historischen Gassen zurück, sonst wird‘s noch eng.


Noch schnell ein paar Kanapki und kalte Getränke am Hauptbahnhof besorgt - denn es wird jeden Tag wärmer - dann stehen wir am Bahnsteig. Das ist ein bisschen kompliziert in Polen, denn da wird im Abfahrtsplan der Bahnsteig aufgeführt, aber nicht das Gleis wie bei uns. Und zu jedem Bahnsteig gehören ja zwei Gleise. Die Anzeige weist eine Verspätung von ca. 20 Minuten für unseren Zug aus, also warten wir. Der Zug ist nicht reservierungspflichtig, also heißt es schnell sein, wenn wir Plätze nebeneinander haben wollen. Gegenüber, auf der anderen Seite des Bahnsteigs, drängen die Menschen in einen dort stehenden Zug. Ich sehen ihn mir genauer an. „Gdynia“ (Gdingen) steht auf den Schildern, über Warszawa Centralna. Das ist unserer Zug nach Warschau, unserem nächsten Ziel auf der Reise! Jetzt ist natürlich schon alles voll, als wir uns mit unseren großen Dufflebags durch den Zug schieben. Dort, wo noch freie Plätze sind, leuchten Reservierungen, das können wir nicht hin. Als wir uns suchend durch den Zug arbeiten, erlöschen plötzlich alle Reservierungsanzeigen auf einen Schlag. Na toll, woher soll ich jetzt wissen, welche Sitze noch frei sind? Es sind ja noch viele Fahrgäste im Zug unterwegs. Schließlich findet Sohn zwei Plätze nebeneinander und wir machen es uns bequem. Als nach einer Viertelstunde immer noch niemand den Platz reklamiert, entspannen wir. Der Zug ist ein EIC, das entspricht etwa unserem ICE. Die Sitze sind sehr bequem, das Interieur modern, der Zug ist klimatisiert und im Gegensatz zum ICE bieten die Ablagen genügend Platz auch für großes Gepäck. Sanft und schnell gleitet der Zug durch die Landschaft, da kommt kein anderes Verkehrsmittel mit.
Nach ca. einer Stunde Fahrzeit weckt mich eine Frauenstimme aus dem Schlummer. Ein Pärchen. Das sind ihr Plätze, sie waren nur mal eben im Speisewagen. Saublöd, aber es hilft ja nichts - und so packen wir unsere Siebensachen zusammen und machen uns auf die lange Erkundungstour durch den Zug, bis wir endlich, endlich zwei andere freie Plätze finden. Es sind noch etwas zwei Stunden Fahrzeit und ich bleibe angespannt, denn natürlich könnten wir jederzeit wieder vertrieben werden. Jedesmal wenn sich die Waggontüre zischend öffnet, schaue ich auf. Wie sich später herausstellt - alles gut. Wir bleiben bis Warschau unbehelligt.
Kurz vor Warschau durchfährt unser Zug die Stadt Milanówek - ich war schon zweimal hier, habe nette und offene Menschen kennengelernt, alte Villen besichtigt, ein Stadtfest erlebt, wunderbar gegessen und abends am Lagerfeuer gesessen, wo wir englische, polnische und deutsche Lieder gesungen haben. Auch so kann man Geschichte schreiben und - aller Tagespolitik zum Trotz - eine Basis für eine bessere Zukunft schaffen. Diese Hoffnung darf man niemals aufgeben. Wir rauschen durch den kleinen Bahnhof, ich erkenne ein paar Gebäude - und dann sind wir schon wieder weg.


In Warschau halten die Züge halten im Untergeschoss und das eigentliche Bahnhofsgebäude ist darüber. Hey, hier funktioniert das. Hoffnung für Stuttgart! Das Erste, was wir sehen, als wir ins Freie treten, ist eine Ansammlung beeindruckender, moderner Wolkenkratzer, vor denen sich das futuristische Glasdach eines großen Einkaufszentrums wölbt. Rechterhand ist ein Hard Rock Café und dahinter streckt sich der Warschauer Kultur- und Wissenschaftspalast in die Höhe - ein Prunkbau aus sozialistischer Vergangenheit, der mit ansehnlichen 237 Metern Höhe immer noch das zweitgrößte Gebäude Polens ist. Sein Architekt hat sich damals vom Empire State Building in New York inspirieren lassen - die Ähnlichkeit ist trotz des stalinistischen Zuckerbäckerstils zu erkennen. Der erste Eindruck: Warschau wirkt riesig und deutlich rauher als Prag - aber noch haben wir ja kaum etwas von der Stadt gesehen.
Unsere Unterkunft ist für die nächsten beiden Nächte ein Airbnb - da stellt also jemand seine Privatwohnung zur Verfügung. Damit kann man Glück oder Pech haben. Als meine Jungs mit zwei Freunden durch die USA tourten, hatten sie mal ein Apartment mit vier Betten gebucht, um dann vor Ort festzustellen, dass für sie nur ein Zimmer zur Verfügung stand, weil die anderen an andere vermietet waren. Es bleibt spannend. Wir laufen einen guten Kilometer, bis wir mitten in der Stadt eine graue Ansammlung alter Plattenbauten finden, ähnlich sie man sie auch in Ostberlin noch finden kann. In einem quietschenden, engen Aufzug geht es in den 11. Stock. Der Hausflur ist duster und etwas heruntergekommen, es riecht nach Staub. Als wir die Wohnung betreten, stellen wir erfreut fest, dass sie klein, aber sauber und gut eingerichtet ist. Eine kleine, offene Küche und zwei Schlafzimmer, außerdem ein kleiner Balkon mit einer Balkonbrüstung, in die ein offenes Metallgitter eingelassen ist. Die Aussicht auf die Stadt und auch einige Wolkenkratzer ist spektakulär. Gegenüber ist ein grauer Plattenbau in derselben Größe und man sieht die Leute dort ebenfalls auf ihren Balkons sitzen oder stehen, einige haben auch Blumentöpfe aufgestellt. Das schlägt jedes Standardhotel, das muss man erlebt haben!



Nachdem wir uns noch ein bisschen erfrischt haben, ziehen wir durch die nähere Umgebung und speisen schließlich bei einer polnischen Fastfoodkette namens Pasibus. Ich wähle den Polska-Burger mit Kraut drin, der sich als lecker erweist. Wir schlafen nicht gut in der Nacht. Jetzt hat zwar jeder sein Zimmer, aber es ist einfach zu warm und wenn man die Fenster öffnet, hört man ständig die Sirenen von Polizei und Rettungsdiensten, die hier so jaulen, wie man es aus US-Filmen kennt.

