Mit der Bahn durch Europa - Tag 1
Schorndorf – Nürnberg – Schwandorf – Prag
Kurz nach sieben Uhr morgens verlassen mein Jüngster und ich das Haus; unsere großen, sorgsam gepackten Dufflebags geschultert, die sich schon bei vielen Reisen bewährt haben. Mit dem Bus geht es nach Schorndorf, dem nächsten Bahnhof. Im Bus zeigen wir noch unser Deutschlandticket vor - in Bussen, U- oder Straßenbahnen gilt Interrail nicht.



Wir haben die 7-Tages-Option gewählt. Das heißt, dass wir sieben Tage lang jeden Zug in den meisten europäischen Länden nehmen können. Nur bei reservierungspflichtigen Zügen muss man sich um die Reservierung kümmern. Diese 7 Tage können innerhalb eines Monats genommen werden, sie müssen nicht direkt aufeinanderfolgen. Unterbricht man die Reise, pausiert das Ticket also einfach so lange. Dafür habe ich – dank einer Rabattaktion und weil ich für Interrail tatsächlich schon den „Seniorenpreis“ bekomme – 291 Euro bezahlt. Und damit könnte ich von der Türkei bis Irland und von Spanien bis zum Polarkreis fahren! Ich erinnere mich noch an meine bisher längste Bahnreise bis nach Saloniki, als ich zarte 18 war. Ganz regulär gebucht, aber in den Gängen des Zuges hockten und lagen die Interrailer und man musste über sie steigen, wenn man nachts aufs Klo wollte – immer sorgsam bedacht, niemandem auf den Kopf zu treten. Viele planten ihre Reise nicht, sondern fuhren einfach spontan, wohin sie wollten. Nachts schliefen sie in Zügen, man sah sie aber auch auf dem Bahnstein, eingewickelt in Schlafsäcke. Nun, ehrlich gesagt: so sehr ich diese spontane Freiheit auch bewundere, haben wir beschlossen, uns doch lieber im Vorfeld Unterkünfte zu suchen. Ich bin zwar noch nicht gebrechlich, aber ich habe auch nicht vor, es nach dieser Reise zu sein.
Nun aber: im Intercity finden wir Platz (wir haben nicht reserviert, weil der Zug nicht reservierungspflichtig ist) und in Nürnberg klappt sogar der Anschluss an den Regio nach Schwandorf. Wir hatten extra Zeitpuffer eingeplant, damit es einen Plan B gibt, falls mal ein Anschluss nicht klappt. Also bleibt genügend Zeit, um in Schwandorf die Gegend zu erkunden. Eine nette, etwas verschlafene Kreisstadt in der Oberpfalz mit immerhin knapp 30.000 Einwohnern. Zwiebelturmarchitektur und es ist ungewohnt warm. Vor einer Woche habe ich nachts noch eine zweite Decke aufgelegt und jetzt laufe ich schwitzend im T-Shirt herum, Sonnencreme im Gesicht und im Schutz einer Mütze, auf ärztlichen Rat. Auf dem Markt steht ein Stand, der „Rosswurst“ anbietet. Interessant. Gesotten, im Brötchen mit scharfem Senf – gar nicht übel.

Wir decken uns bei einem Supermarkt noch mit Proviant und Getränken ein. Man muss seinen Ausweis hinterlegen, um den Schlüssel für das WC zu bekommen. Über eine staubige Baustelle geht es zurück zum Bahnhof und die Luft flimmert. Der Zug, den wir nehmen wollen, hat schon über 20 Minuten Verspätung, also warten wir. Die Reisenden suchen sich Schattenplätze, wo sich das Volk dann zusammenballt. „Hohe Auslastung“ steht auf der Anzeige am Bahnsteig. Und beim Folgezug, zwei Stunden später: „Hohe Auslastung – Zustieg kann nicht garantiert werden“. Ok – ich wollte ein Abenteuer und so wie es aussieht, bekomme ich es auch.
Und dann läuft er endlich ein, der Alex-Express von München nach Praha hlavní nádraží - Prag HBF. Die tschechische Hauptstadt 🇨🇿 ist die erste Etappe unserer Reise. Wir lassen die Passagiere geduldig aussteigen – als wir aber einsteigen wollen, herrscht uns eine Zugbegleiterin an. Nein nein, die beiden Wagen bleiben hier, alles raus und wir müssen zu den vorderen Waggons laufen, wenn wir nach Prag wollen. Dort hat sich inzwischen natürlich eine Schlange gebildet und als wir den Zug betreten, ist er schon proppenvoll. In einem alten, tschechischen Abteilwagen finden sich noch zwei Plätze am Gang, aber es ist stickig und eng, so dass ich die Plätze erstmal sichere, während Sohn weiter vorne im Zug nach Alternativen sucht. Schließlich kommt seine Message „Komm nach vorne“. Es dauert eine ganze Weile, bis ich durch das Gedränge bin, aber er hat tatsächlich zwei Sitze nebeneinander in einem Großraumwagen gefunden. Dass das „Priority Seating“ steht, sehe ich erst ein paar Minuten später. Sollte also ein Mensch mit Behinderung auftauchen, war‘s das mit dem Platz. Aber bis dahin sitzen wir erstmal hier.



Die Strecke windet sich durch den Oberpfälzer Wald, Furth im Wald ist die letzte Station auf deutscher Seite – und dann nennt sich das ganze Böhmerwald und wir fahren durch Tschechien. Die Fahrt ist angenehm, wenn auch etwas warm, die Sonne scheint und hinter Pilsen fahren wir eine Weile neben einem Flüsschen her, das irgendwo später in die Moldau fließt.
Wir sehen Badende und Ruderer – ein Sommeridyll im Mai. Kurz vor Prag überqueren wir die Moldau und wir können Prag kurz in der Ferne sehen, dann geht es durch Vororte und Tunnels in den Prager Hauptbahnhof, wo wir mit den schweren Rucksäcken auf den Bahnsteig hinunterspringen und uns in der großen Bahnhofshalle, zwischen Menschenmassen, blechernen Ansagen und bunten Hinweisschildern in einer uns unbekannten Sprache versuchen, den Weg aus dem Gewirr zu finden.

Normalerweise kann ich mich ganz gut orientieren, aber während ich noch versuche, die Himmelsrichtungen auszumachen, hat Sohn schon den richtigen Ausgang gefunden und nach einem kurzen Spaziergang finden wir eine Straßenbahnhaltestelle. Ein kurzer, aber von Erfolg gekrönter Kampf mit einem kleinen, gelben Automaten beschwert uns zwei 24-Stunden-Karten für den Nahverkehr.
Die Fahrt mit der Tram entwickelt sich zur Sightseeing-Tour. Angesichts all der prächtigen Gebäude, an denen die Fahrt vorbeiführt, kommen wir aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Auf der Moldaubrücke bietet sich ein wunderbares Panorama auf Karlsbrücke, Hradschin und Altstadt – aber der Versuch, aus der Straßenbahn heraus Fotos zu machen, misslingt. Verwackelt – Mast im Weg – Auto im Weg. Es wird sichtlich nicht unsere letzte Gelegenheit sein, denn wir haben in Prag zwei Nächte gebucht und werden so morgen den ganzen Tag Zeit haben, die Stadt zu erkunden. Das Hotelzimmer ist klein und sauber. Nur – und das erlebe ich nicht zum ersten Mal – ich hatte ganz ausdrücklich ein Zimmer mit zwei einzelnen Betten gebucht und auch bestätigt bekommen; und das wurde offenbar komplett ignoriert. Ein Queensize-Bett, das zu allem Überfluss auch noch ein einzige Decke hat, was ich ganz grundsätzlich hasse. Sorry, sagt die Rezeption, wir sind fully booked und da kann man nix machen. Ob wir wenigstens eine zweite Decke bekommen können, frage ich. Nada, nitschewo, to neide. Fully booked, alles wech. (Als ich spät am Abend beim Nachtpersonal nachfrage, geht es dann übrigens doch und wir haben gleich zwei Decken im Riesenformat. Zuviel des Guten, aber immerhin kann sich dann jeder in sein eigenes Zelt wickeln).

Gegen halb sieben machen wir uns auf, um Prag schon mal vorab zu erkunden. Wir fahren mit der U-Bahn, laufen weit durch die Altstadt und über die Karlsbrücke, können uns nicht sattsehen von der Pracht dieser so alten und doch auch so jungen und weltoffenen Stadt. Es ist ein bisschen wie eine Wanderung, die wir mal durch Paris gemacht hatten – an jeder Ecke bleibt man erstmal stehen und denkt „ah – wie wundervoll“. Und es bleibt warm. Aber jetzt ist dieser Text schon lange genug. Also versuchen wir am Abend irgendwie mit unseren Riesendecken klarzukommen, hoffen darauf, dass die Klimaanlage funktioniert, was sie nur sehr bedingt tut – und rechnen damit, dass wir nicht viel Schlaf bekommen werden. Eine weise Voraussicht, die sich bewahrheiten soll.

Fun Fact: Seit wir heute in den ersten Zug gestiegen sind, hat kein Mensch nach unserem Ticket gefragt. Das ist fast enttäuschend und wir wetten, wann und wo unser „erstes Mal“ sein wird. Da hat man so ein schönes Ticket und dann will es keiner sehen …

