Mit der Bahn durch Europa – Tag 5

Warschau – Mockava – Vilnius

Heute gönnen wir uns auf dem Weg zum Warschauer Hauptbahnhof die Straßenbahn - das Ticket von gestern gilt noch und die Rucksäcke sind wirklich schwer. Der Shoppingcenter öffnet erst um neun, aber wir haben uns am Vorabend schon mit Marschverpflegung eingedeckt. Kurz vor neun geht unser Zug nach Vilnius in Litauen 🇱🇹, eigentlich sind es aber zwei Züge. Denn in Mockava - unmittelbar hinter der litauischen Grenze - müssen alle in einen anderen Zug umsteigen. Grund: Litauen hat anstelle der europäischen Normalspur von 1,435 Metern die russische Breitspur von 1,520 Metern. Spannend.


An einem Stand mit „Dobre Precle“ (leckere Brezeln) im Warschauer Hauptbahnhof kommen wir als gebürtige Schwaben natürlich nicht vorbei. Es gibt ein dünnes, aber großes Gebäck in Brezelform, das mit Käse und Salamischreiben überbacken ist - und süße, gefüllte Ringe, ähnlich den Krakauer Bagels. Keine Brezeln wie wir sie kennen - aber überaus lecker, wie wir später im Intercity „Hańcza“ feststellen. (Hańcza heißt ein großer See auf der polnischen Seite der litauischen Seenplatte) Der Kringel ist mit Biscoff-Creme gefüllt. Fein, aber wir müssen uns hinterher wirklich die Hände waschen, sonst kleben wir hier noch fest. Die polnischen Intercity-Waggons sind angenehm. Schöne Sitze, WLAN, Tische die groß genug für Laptops sind und Stromanschlüsse gibt es auch.

Der Grenzübertritt ist unspektakulär. Grüne Felder, kleine Häuschen und eine Baumreihe im Hintergrund, die Wolken hängen tief unter einem azurblauen Himmel - und dann markiert ein Graben im Wald und ein kleiner Zaun die Grenze. Was sich vor allem ändert, ist die Uhrzeit; aber mittlerweile stellen Handys und smart Watches die Zeit ja automatisch um eine Stunde weiter. Kurz darauf halten wir in Mockava. Ein kleines, schmuckes Bahnhofsgebäude mit der litauischen Flagge in gelb-grün-rot und ein paar vereinzelten Bahnsteigen, das ist alles. Wir stehen vor dem polnischen Intercity und warten, bis nach einigen Minuten ein silberner Zug mit dem litauischen Wappen (Ein Ritter in Rüstung zu Pferde, das Schwert erhoben) an demselben Bahnsteig gegenüber hält. Dessen Fahrgäste steigen in den Zug, aus dem wir gekommen sind - und dann steigen wir in den Zug der LTG (Litauische Eisenbahnen). Ein schöner Zug - vor allem sind die Waggons breiter als bei uns und dementsprechend sind auch die Sitze wunderbar geräumig. Einer der Wagen ist innen komplett in rosa gehalten, denn in ein paar Tagen findet in Vilnius das „Pink Soup Fest“ statt. Ein Mega-Ereignis, bei dem eine Suppe namens Šaltibarščiai, die als litauische Nationalspeise gilt, im Mittelpunkt steht. Wir fahren durch eine relativ flache Landschaft. Felder und Wälder wechseln sich ab, hin und wieder sind kleine Häuser zu sehen. Was auffällt, sind die vielen Föhren bzw. Waldkiefern mit rotbraunem Stamm und immer mehr Birken. In Kaunas überqueren wir die Memel, die hier schon majestätisch breit ist.


Nach knapp 2:20 Stunden und drei Zwischenstationen haben wir den Bahnhof von Vilnius erreicht. Ich bin überrascht. Vilnius ist mit 618.000 Einwohnern fast so groß wie Stuttgart, aber der Bahnhof sieht aus, als gehöre er zu einer Kleinstadt. Unser Appartment ist nur zwei Ecken weiter - wir landen in einer langen, geraden Straße, auf deren beiden Seiten sich zwei- und dreistöckige Mietshäuser plus Dachwohnung mit historistischen Fassaden und ein paar Renaissance-Stuckeffekten befinden. Die Anweisungen kamen auf dem Handy: vorne am Eisentor bestimmte Knöpfe drücken, damit es sich öffnet, im Innenhof befindet sich dann ein Schlüsseltresor mit Kombinationsschloss und darin ist der Wohnungsschlüssel und ein Chip zum Öffnen der Haustüre. Manchmal ist das bei diesen Wohnungen wie bei einem dieser Spiele, bei denen am Ende ein Schatz wartet - und man muss verschiedene Aufgaben lösen, um zum Ziel zu kommen. Die Spannung steigt, als sich die Wohnungstüre öffnet: und wir sind positiv überrascht. Wir finden eine geräumige und gut ausgebaute Altbauwohung vor, zwei große Schlafzimmer, von denen eines eine moderne Küchenzeile hat und ein Badezimmer mit Badewanne. Wir richten uns ein und verschnaufen erstmal, bevor wir Vilnius erkunden.

Hinter Białystok fahren wir in die sogenannte „Suwałki-Lücke“ - bekannt als die schwächste Stelle der NATO. Zwischen dem Russland-hörigen Belarus und der russischen Exklave Kaliningrad (Königsberg) sind es hier an der schmalsten Stelle nur 65 Kilometer Luftlinie. Und da fahren wir mitten durch auf die litauische Grenze zu. Vorher läuft noch eine Kontrolleurin durch den Zug, sie will aber nur sichergehen, dass jeder seine Ausweispapiere bei sich trägt. Ein kleines bisschen gruselig ist es schon - wer weiß, was dem Oberfaschisten in Moskau als nächstes in den Sinn kommt. Also, falls er hier mitliest: Lass‘ es. Hast Dir schon mehr genug Ärger eingehandelt. Leute wie Du sterben in Bunkern oder an Wänden oder in einer Zelle in Den Haag. Sorry, das musste ich einfach loswerden.

Wir gehen am großfürstlichen Schloss vorbei, weil wir auf den Hügel möchten, auf dem der aus rotem Backstein erbaute, achteckige Gediminas-Turm thront. Der einzige verbliebene Turm der ehemaligen Festung. Es gibt tatsächlich auch eine kleine Standseilbahn hinauf, aber wir laufen - was sich angesichts des Kopfsteinpflasters und der Steintreppen als gar nicht so einfach erweist. Dafür ist die Aussicht von oben phantastisch - und erstmal sehen wir auf der anderen Seite des Flusses Neris auch ein ganz anderes Vilnius, denn dort glänzen die Glasfassaden einer Ansammlung von Wolkenkratzern. Sohn hat uns Plätze im örtlichen Katzencafé reserviert, darum müssen wir und langsam auf den Weg machen. Nach unten wollten wir eigentlich die Standseilbahn nehmen, um Zeit zu sparen. Die ist aber mittlerweile schon geschlossen, so dass wir doch laufen. Wahrscheinlich sind wir per pedes ohnehin schneller. Wir finden das Café am Gedimino Prospekt, dem gepflegten Hauptboulevard der Stadt, der um diese Zeit - es ist kurz vor sieben - dicht bevölkert ist. Hier sind viele Läden (es gibt sogar einen Lidl - wie exotisch), Restaurants und Boutiquen, auch an der indischen Botschaft kommen wir vorbei. Man sieht viele junge Leute, oft gut gekleidet und für den Abend herausgeputzt. Was auch auffällt, sind die vielen ukrainischen Flaggen in diesem Teil Europas. Mein Eindruck ist, dass die große Solidarität der baltischen Menschen mit der Ukraine stark mit der eigenen Geschichte und dem Kampf um Freiheit verbunden ist. Und natürlich schweißt auch die gemeinsame Bedrohung zusammen.

Auf dem Weg in die Innenstadt passieren wir erst eine Reihe dieser Mietshäuser aus der Zarenzeit, dann tauchen vermehrt klassizistische und Renaissance-Fassaden auf, dazu Barockbauten und dazwischen immer mal wieder Backsteingotik. Die Häuser werden höher, die Fassaden gepflegter - und dann treten wir aus der vermeintlichen Kleinstadt unversehens auf den großen Kathedralenplatz, gesäumt von den weißen Säulen der St.-Stanislaus-Kathedrale, die wie ein griechischer Tempel aussieht, und der Statue des Großfürsten Gediminas, der die Stadt gegründet haben soll. Hier - bzw. am nahen Gediminas-Turm auf dem nahen Hügel (je nach Überlieferung) - begann am 23. August 1989 die berühmte Menschenkette „Baltischer Weg“, die größte, friedliche Protestaktion der Geschichte. Rund zwei Millionen Menschen bildeten eine ununterbrochene Menschenkette durch alle drei damals baltischen Sowjetrepubliken. Die Menschen nahmen den 50. Jahrestag des Hitler-Stalin-Pakts zum Anlass, um gegen die sowjetische Besatzung und für die Unabhängigkeit der drei baltischen Staaten zu protestieren. Eine nicht ungefährliche Aktion, die heute als Meilenstein zur Unabhängigkeit gesehen wird. Man witzelt heute, dass der „Baltic Way“ die einzige Aktion ist, die die drei baltischen Staaten jemals gemeinsam erfolgreich organisiert hätten - aber das ist ein anderes Thema, zu dem ich später noch komme.

Ich hatte das Katzencafé erwähnt, aber wisst Ihr eigentlich, wie das funktioniert? Das Konzept ist vor Jahren aus Taiwan und Japan zu uns herübergeschwappt. Die Cafés nehmen Katzen auf, um die sich sonst keiner kümmert, und versorgen sie. Man kann dort als Gast essen (oft sind es regelrechte Restaurants) und nebenher Katzen beobachten oder streicheln, solange man sie nicht hochhebt oder sonstwie nervt. Und natürlich ist füttern streng verboten. Meistens springen einem aber sowieso Katzen auf den Schoß - ich war schon in Notthingham, Madrid, Leipzig und Bochum in Katzencafés und das ist ein gutes Mittel gegen das Heimweh zur eigenen Hauskatze. Naja, oder wer keine eigene hat, wird dort die nötigen Streicheleinheiten los. Hier in Vilnius legt man Wert auf Hygiene - wir müssen uns nicht nur die Hände waschen, sondern auch blaue Plastiküberzieher über die Schuhe ziehen, um keinen Straßenschmutz hereinzutragen. Was uns freut: auf der Speisekarte steht die berühmte „Pink Soup“ Šaltibarščiai (wörtlich: „kalter Borschtsch“) und auch litauische Teigtaschen, die sich „Kolduny“ nennen. Die Suppe wird kalt serviert und besteht, soweit ich das herausschmecken kann, aus Yoghurt oder Kefir mit viel Roter Beete, ich kann Gurken ausmachen, gekochte Eierhälften und natürlich ist - wie fast überall hier - Dill drin. Das ist sehr lecker und erfrischend und erinnert mich vom Geschmack her ein bisschen an den Gurkensalat meiner ostpreußischen Oma. Dazu gibt es warme Ofenkartoffelspalten. Die Kolduny sind eine Art warme, mit Fleisch gefüllte Kartoffeltaschen mit Pilzen. Die Sauce ist sahnig-sämig und ich vermute, dass auch Käse drin ist. Das alles schmeckt sehr nach hausgemachter Küche, Comfort Food im besten Sinn. Und es sättigt gewaltig. Der Kellner ist ganz erfreut, dass wir landestypische Gerichte bestellt haben und dass es uns schmeckt und er erklärt uns die Gerichte. Unterdessen schnuffeln die Katzen an meiner Jacke - da hängen sicherlich noch Haare von unserer eigenen Katze dran - und spielen intensiv mit der Zuglasche des Reißverschlusses. Ansonsten streichen sie uns um die Beine, lassen uns aber sonst in Ruhe. Nebenan, in einem Körbchen, schläft ein Riesenvieh mit Haaren wir ein Flokati. Im Nebenraum spielen Kleinkinder mit den Katzen, die sich das gefallen lassen.

Auf dem Weg zurück ins Apartment nehmen wir ein paar Umwege, so dass wir noch die nächtliche Partymeile (ziemlich stark belebt für einen Mittwochabend) sehen, aber auch ein paar ziemlich heruntergekommene und zum Teil leerstehende Häuser aus sozialistischer Zeit. Dort stehen überquellende Mülltonnen und ein alter Mann sucht darin nach Pfandflaschen. Das Gewummer der Partymeile dringt nicht bis hierhin. Kontraste.


Morgen früh geht der Zug an unser nächstes Ziel schon um kurz vor sieben. Wir bleiben nicht mehr lange wach und genießen die Nacht in der schönen Wohnung.