Mit der Bahn durch Europa – Tag 2
Prag
Wir erwachen bei strahlendem Wetter - und auch wenn wir nicht besonders gut geschlafen haben, sind wir neugierig und gespannt darauf, mehr von Prag zu sehen. Wir sind in Malá Strana, der „Kleinseite“, dem Stadtviertel westlich der Moldau. Aber der Nahverkehr in Prag ist so gut ausgebaut und funktioniert so reibungslos, dass man in kurzer Zeit so ziemlich überall hinkommt. Ich sehe nochmal auf unsere 24-h-Tickes, denn wir müssen ja rechtzeitig neu besorgen, wenn diese auslaufen. Ich kann Datum und Uhrzeit aber beim besten Willen nicht finden. Dafür – nach einigem Suchen – den Hinweis „Any ticket which has not been validated is invalid“. Moment, was? Ich hatte tatsächlich übersehen, dass man diese Tickets erst entwerten muss, damit sie gültig werden. Zuhause kommen sie fertig gestempelt aus dem Automaten. Dann sind wir gestern, ohne es zu wissen, schwarz gefahren? Du liebe Güte!


Wir besorgen uns im nahen Einkaufszentrum belegte Brötchen (Es ist Pfingstsonntag, aber alle Läden haben hier offen). Ein günstiges Frühstück, dass wir im Schatten der Bäume auf einer Bank verzehren, bevor wir mit einer modernen Niederflur-Straßenbahn auf den Hradschin, den Prager Burgberg fahren. Mit korrekt validierten Fahrscheinen, versteht sich! Wie erhofft ist es so früh am Tag noch einigermaßen leer und wir können die Prager Burg und ihre Nebengebäude ausgiebig besichtigen. Wirklich interessant, vor allem das „Goldene Gässchen“, das wirkt wir eine kleine Dorfstraße und das in die Mauer der Burg hineingebaut ist; lauter kleine, bunte Häuschen, in denen einst die Bediensteten der Burg und verschiedene Handwerker wohnten, auch Kafka hatte hier mal sein Homeoffice.

Aber es gibt auch Ritterrüstungen, Folterwerkzeuge und mehr zu sehen, womit man sich in vergangenen Jahrhunderten so „vergnügte“. Dazu unzählige Wappen und Bilder diverser Herrscherfamilien; wie immer sind die meisten Habsburger recht leicht an ihrer Physiognomie zu erkennen. Gegen Ende unserer Tour rücken massenweise ganze Busladungen von Touristengruppen an und nur mit Mühe kommen wir an dem Gedränge vorbei wieder ins Freie. Das war gutes Timing. Wir wandern noch etwas durch die Gegend, probieren die sehr schnelle U-Bahn aus, zu der man auf ewig langen Rolltreppen bis tief unter die Erde gelangt. Und wir erwischen tatsächlich noch eine alte Tatra-Straßenbahn, wie sie auch im Osten Deutschlands noch lange fuhr. Prag hat die nicht ausgemustert, weil die Bahnen so gut wie unzerstörbar sind. „Prag-matisch“ gedacht.


Jenseits der ausgetretenen Touristenpfade lernen wir zwischen alten, wuchtigen Wohngebäuden und Hinterhöfen ein anderes Prag kennen. Es wirkt ein bisschen wie in den alten Wohnecken in Berlin oder dem Stuttgarter Westen. Alte, zum Teil leicht schmuddelige Fassaden, aber viele junge Leute, dazwischen Thai-Imbisse, Sushi-Läden, Pizzerien und Gyros-Tavernen und überall kleine Kioske, bei denen man sich bis abends um elf mit kühlen Getränken und Snacks eindecken kann. Der Eindruck, der sich schon in der prächtigen Innenstadt aufgedrängt hat, verfestigt sich hier: Prag ist eine alte und doch sehr junge Stadt. Bodenständig und doch international und weltoffen. Und ehrlich gesagt: Im Vergleich zu Berlin auffallend sauber. Und was auch bemerkenswert ist: wenn man die ganzen Touristenfallen in der Altstadt meidet, kann man auch durchaus preiswert zurechtkommen.
Wir gönnen uns aber trotzdem kühle Bubbleteas aus einem Lädchen, bevor wir am Prager Fernsehturm ankommen. Einem ungewöhnlichen Turm, dessen Architektur nicht unumstritten war. Der Architekt beschloss damals in den 1980er Jahren, einen deutlichen Kontrapunkt zur Prager Architektur zu setzen, um nicht mit dieser zu konkurrieren. Dem nüchternen Gebäude hat ein Künstler Figuren gigantischer Babys hinzugefügt, die an dem Turm herauf- und hinunterzukrabbeln scheinen. Wir sparen uns die teure Fahrt nach oben, sehenswert ist der Turm schließlich auch von hier aus. Die Sonne knallt vom Himmel als wäre es August und als wir mit der Straßenbahn durch die Innenstadt fahren, fühlen wir uns schon leicht vorgegart. Mit der U-Bahn geht es zu einer kleinen Erholungspause ins Hotel.
Zu Mittag gibt es Bánh mi – eine Art vietnamesisches Sandwich – von einem kleinen Stand in der Shopping Mall um die Ecke. Meine Söhne lieben Bánh mi – ich finde es eher ganz nett, weil ich kein Fan von Koriander bin, der dem Anschein nach Basis der vietnamesischen Küche ist. Die Frau am Stand gibt sich ganz offensichtlich Mühe, denn die Zubereitung unseres Mittagessens zieht sich hin. Ich gehe in der Zwischenzeit Getränke kaufen und als ich zurück bin, steht Sohn immer noch in Wartestellung. Aber dann bekommen wir unsere warmen, gefüllten Minibaguettes. Als wir sie im Hotelzimmer futtern, erlebe ich eine Geschmacksoffenbarung, die nur knapp hinter dem Damaskus-Erlebnis des Paulus rangiert: Ja, da ist Koriander drin. Aber es ist so ausgewogen und genau die richtige Menge und es verbindet sich so perfekt mit all den anderen Zutaten, dass ich im besten Sinne eine Umami-Klatsche bekomme. Für umgerechnet 7 Euro und 13 Cent. Wunderbar.



Erholt und gestärkt geht es mit der Straßenbahn nach Süden - wir wollen eine Fähre über die Moldau nach Vyšehrad nehmen, der „zweiten Burg“ in Prag. Als die Fähre erscheint, stellt sich heraus, dass sie ein kleines Bootchen ist, in dem maximal 12 Leute Platz finden. „Sorry“ meint der Kapitän, das Boot sei voll. Aber er komme ja wieder. In 20 Minuten. Wir beschließen stattdessen, den Fluss zu überqueren, indem wir über die große Eisenbahnbrücke in der Nähe laufen, die auf beiden Seiten Fußwege hat. Das ist wirklich ein Erlebnis und die Aussicht auf die Moldau ist wundervoll. Auf der anderen Seite ist dann noch einiges an Kletterei zu leisten, bis wir den Festungsberg erklommen haben. Es ist hier anders als auf dem Hradschin – eine hohe Mauer, Reste der Festung, ein schattiger Park und eine schöne Basilika – weniger zu sehen, aber irgendwie ruhiger: ein schöner Ort. Und er bietet eine eine herrliche Aussicht auf Prag und die Moldau von Süden. Den Rest des Tages verbringen wir in der quirligen Innenstadt von Prag. Ich war vor Jahren schon mal hier und es ist frappierend, wie die Stadt sich gewandelt hat. Das Grau und die Tristesse, die ihr noch von der sozialistischen Vergangenheit anhaftete, ist jetzt einem bunten, internationalen und quirligen Stadtbild gewichen, ohne dass Prag seine Wurzeln und seinen Charakter verloren hätte. Prag ist prächtiger als je.
Jetzt hätte man natürlich typisch tschechische Küche speisen können – aber bei der Wärme schlägt Sohn, der in der nahen Mall ein Running-Sushi-Restaurant entdeckt hat, vor, dass wir unseren Abschied von Prag dort feiern anstelle bei Knödel und Schweinebraten. Und so machen wir das dann auch; leider erweist sich der Laden als nicht besonders gut. Die Auswahl ist klein und die meisten Speisen auf dem Band haben wenig mit Sushi zu tun. Dazu sind die Hühnchenspieße so eingetrocknet, dass ich vermute, dass sie schon ebenso lang ihre Runden drehen wie die dehydrierte Glibbersuppe in kleinen Schälchen. Immerhin erweist sich meine Sorge vor gesundheitlichen Folgen als unbegründet. Warum die Bedienung uns nach nichtmal einer halben Stunde die Sojasauce und das Wasabi vom Tisch nimmt und damit verschwindet, hat sich mir auch nicht erschlossen. Nächstes Mal gibt's dann doch besser „Vepřo-knedlo-zelo“, das tschechische Nationalgericht: Schwein, Knödel, Sauerkraut..
Nun aber ab ins Bett – morgen früh geht es zum Bahnhof und wir peilen unser nächstes Reiseziel an.
