Mit der Bahn durch Europa – Tag 6

Vilnius – Riga

Heute müssen wir früh raus. Denn der Zug nach Riga in Lettland 🇱🇻 – dorthin geht es heute – wird auf der Interrail-App zwar um 7.30 Uhr angezeigt, tatsächlich fährt er aber wegen Bauarbeiten an der Strecke schon um 6.55 los, um rechtzeitig in Riga anzukommen. Es lohnt sich immer, die Zeiten auf den Websites der jeweiligen Bahngesellschaften gegenzuchecken.

Und hier muss ich etwas zum Thema „Rail Baltica“ einschieben. Das Projekt, um die drei baltischen Staaten mit einer Hochgeschwindigkeits-Bahnverbindung über Polen näher an Mitteleuropa anzubinden (und irgendwann vielleicht auch mit einem Tunnel an Finnland), hat eine hohe Priorität – auch bei der EU, die es deswegen kräftig fördert. Menschen, aber auch Güter würden die Länder des Baltikums mit dieser Verbindung deutlich näher an Europa rücken und auch strategisch hätte das eine große Bedeutung, weil die alten Infrastrukturen eben alle noch auf Russland ausgerichtet waren. Die Fertigstellung des Projekts war ursprünglich für 2026 geplant, nun spricht man von 2030 oder 2031. Das kommt mir als gebürtigem Stuttgarter natürlich nicht völlig unbekannt vor, aber hier sind die Probleme eher strukturell als durch Inkompetenz bedingt.

Aktueller Plan des Rail-Baltica-Projekts (Stand 2026).
Gelb: geplant. Blau: im Bau. Grün: fertiggestellt. Sieht jemand grün?
Quelle: 
https://www.railbaltica.org/

Wie schon erwähnt, gelingt es Estland, Lettland und Litauen oft nur mit Mühe, gemeinsam etwas auf den Weg zu bringen. Die Regel ist, dass grundsätzlich alles 2:1 abgestimmt wird – wenn zwei dafür sind, ist immer einer dagegen. Das liegt zum einen daran, dass es „Das Baltikum“ als Begriff eigentlich erst seit dem 19. Jahrhundert gibt und das als Fremdbezeichnung vor allem in der deutschen Literatur. Polen und Litauen waren lange Zeit politisch verbunden, allerdings spricht man in Polen eine slawische Sprache, während das Litauische eine baltische Sprache mit indoeuropäischen Wurzeln ist. Auch das Lettische ist eine baltische Sprache, aber Litauen war immer schon katholisch und somit eher mit Polen verbündet als mit dem protestantischen Lettland. Und in Estland spricht man wiederum eine finugrische Sprache, die eng mit dem Finnischen verwandt ist.


Die Planung der Rail Baltica ist auch organisatorisch eine Katastrophe, denn es gibt keine zentrale Bauleitung, so dass jedes Land so baut, wie es das für richtig hält. Das führt dazu, dass Estland und Litauen schon kräftig Schienen legen, während man im dazwischen liegenden Lettland erstmal damit begonnen hat, Bahnhöfe für die neue Linie zu errichten – aber noch fast keine Schienen. Auf Railbaltica.org gibt es eine Übersicht über das Bauprojekt – wirklich fertiggestellt ist demnach noch gar kein Abschnitt. Aber um fair zu bleiben: die zwar langsame, aber regelmäßige „LTG Link“-Linie mit der wir fahren, ist ein echter Fortschritt – diese Verbindung gibt es so auch erst seit Dezember 2023.

Die Wälder draußen werden allmählich lichter und immer häufiger sind kleine Holzhäuser zu sehen, die auf mich fast schwedisch wirken. Als die Tickets kontrolliert werden, stellt uns die Schaffnerin Papiertickets aus, auf denen der Fahrpreis steht – der dann darunter mit dem Hinweis „Interrail“ wieder storniert wird. Das ist bei einem Online-Ticket ungewöhnlich, aber wahrscheinlich hat das mit der Abrechnung der Bahngesellschaft zu tun. Gestern, auf der Fahrt nach Vilnius, musste die Kontrolleurin erst bei ihrer Vorgesetzten nachfragen, warum es für „Interrail“ keinen Ausweis, sondern nur ein Online-Ticket gibt. Gemeinsam kamen sie dann zu dem Schluss, dass es wohl seine Richtigkeit hat – und stellten uns ebenfalls Papiertickets aus. Es hat fast den Anschein, als ob Interrailer hier nicht sehr häufig verkehren, was mich ehrlich gesagt wundert. Vielleicht liegt es an der Tatsache, dass die Bahn hier sehr günstig ist. Aber die Fahrt ist bisher wirklich schön. An keiner Stelle gab es eine nennenswerte Verspätung, übervolle Züge, defekte Toiletten, fehlende Lademöglichkeiten – oder was man sonst eben aus der Heimat kennt.

In Riga angekommen überquert unser Zug die Düna (Daugava auf lettisch) und wir sehen eine schöne Skyline unterschiedlicher Kirchtürme. Dann halten wir am Bahnhof Rīga Pasažieru. Linkerhand, auf der anderen Seite der Gleise, spiegelt ein gewölbter, moderner Glasbau den blauen Himmel – das ist der fast schon fertige Baltica-Rail-Bahnhof, der noch an kein Schienennetz angeschlossen ist – und rechts am Bahnsteig  finden wir ein altes, gelbgraues Bahnhofsgebäude aus den 60er Jahren, das auf den ersten Blick nicht sehr einladend wirkt. Es ist erst Mittag, darum suchen wir Schließfächer, um unser Gepäck loszuwerden, bis wir in die Wohnung einchecken können. An einer Ecke des Bahnhofsgebäudes finden wir eine Türe, die sich mit etwas Druck quietschend öffnet. Es geht eine grobe Betontreppe hinunter, dann stehen wir in einer alten, etwas düsteren Bahnhofshalle. Im Untergeschoss finden wir Gepäckschließfächer, die allerdings nur 1- und 2-Euromünzen annehmen. In einem Café in der Halle kaufen wir Getränke, um so das nötige Münzgeld zu bekommen. Diesmal sind die Gepäckschließfächer hell erleuchtet - ein Angestellter hat schlicht den Lichtschalter gedrückt. Wieder im Erdgeschoss stellen wir fest, dass der Bahnhof noch weiter geht – es gibt einen deutlich moderneren, richtig netten Teil, an den sich eine kleine Shoppingmall anschließt. Den haben wir nicht gesehen, weil wir offenbar nicht den „offiziellen“ Eingang benutzt haben. Der Übergang in den neuen Bahnhof hat sich angefühlt, als laufe man durch eine Zeitmaschine, ganz seltsam.

Unser erstes Ziel ist der Zentralmarkt der Stadt (Rīgas Centrāltirgus) – Lettlands größter Lebensmittelmarkt, der sich gleich hinter dem Bahnhof befindet. Für den Markt wurden ehemalige Luftschiffhallen umgebaut. Heute sind es fünf Hallen für verschiedene Produkte: eine für Gemüse, eine für Milchprodukte, eine für Fleisch, eine für Fisch und eine für gastronomische Angebote. Die erste Halle wird gerade umgebaut, darum ist im Moment alles ein bisschen durcheinander. Ich habe die Foodhalle in Warschau noch in Erinnerung – was für ein Kontrast!

Schlürfen dort hippe Geschäftsleute ihren Aperol, sind hier auf weiter Fläche wirklich alle denkbaren Tierteile oder Meeresbewohner ausgebreitet. Alte Mütterchen und Familien kaufen ein, viele der Händlerinnen sprechen russisch. Es riecht auch nicht wie in der Fleischabteilung im Supermarkt, sondern es riecht eher …. – nun ja, es riecht eben. Wohlbemerkt: ich finde das nicht etwa eklig, sondern eher spannend und hochinteressant. Und auch mein Jüngster ist mit dem Fotoapparat dabei, die Stimmung einzufangen. In der letzten Halle werden neben zig verschiedenen Arten gefüllter Teigtaschen, Würstchen, Klopsen und Pizzastückchen auch wohlriechende Gerichte an einem georgischen und einem usbekischen Stand angeboten. Usbekischen Pilaw sehe ich und Schaschlikspieße, aber auch manches, das ich nicht kenne. Schade eigentlich, dass wir im Zug gut gevespert haben.

Hinter der Halle strebt im Osten der Turm der Akademie der Wissenschaften in die Höhe, den die Einheimischen auch spöttisch „Stalins Geburtstagstorte“ nennen. Es ist augenfällig warum, denn das erste Hochhaus Lettlands erinnert stark an den Kulturpalast in Warschau en miniature. Auf der anderen Seite sehe ich in der Ferne einen Kirchturm, der stark an den Hamburger Michel erinnert. Die beiden so unterschiedlichen Türme bilden einen heftigen Kontrast.


Vor uns, am Ufer der Düna, fährt eine ziemlich moderne Straßenbahn vorbei und wir versuchen, an der Haltestelle Tickets zu kaufen. Einen Automaten gibt es nicht – und die App, die an einer Infowand empfohlen wird, will zur Verifizierung unsere Telefonnummern haben; es lassen sich aber nur die Ländervorwahlen der baltischen Staaten ankreuzen. Das funktioniert einfach nicht. Also laufen wir zurück zum Hauptbahnhof, da wird man uns doch sicher helfen können. Am Fahrkartenschalter werden wir auf das „Narvesen“ verwiesen – einen kleinen Laden für Zeitschriften und Reiseproviant in der Bahnhofshalle, bei dem wir Tageskarten für die lokalen Verkehrsbetriebe„Rīgas Satiksme“ erhalten. Es sind Papierkärtchen mit RFID-Funktion, die wir in der Straßenbahn einfach an Lesegeräte halten können.


Eine alte, gebeugt gehende Frau mit zerknittertem Gesicht spricht mich in dem Laden an, ihr Ton klingt flehend. Leider verstehe ich kein Wort, aber sie hält mir eine kleine PET-Getränkeflasche hin und macht mit ihrer Hand eine drehende Bewegung. Ich öffne die Flasche – der Verschluss sitzt wirklich fest – und reiche sie ihr zurück. Das war wohl richtig, denn sie lächelt mich an, nickt und sagt etwas, das nach Dank klingt. Später am Tag, in einem Supermarkt, spricht mich nochmal eine alte Frau an und deutet auf ihren Einkaufskorb, aber da gelingt es mir nicht, ihr Anliegen herauszufinden. Als ich ihr schließlich auf Deutsch sage, dass ich sie nicht verstehen kann, nickt sie, sagt „nit verstehen“ und „deutsch, gut“, lächelt und geht. Zur Zeit der deutschen Kriegsverbrechen in Lettland muss sie schon auf der Welt gewesen sein. Deutsch gut? Ich hätte ihr wirklich gerne geholfen, bei was auch immer. Und ich überlege, ob ich etwas an mir habe, das irgendwie das Vertrauen älterer Damen auslöst?

Wir nehmen die Straßenbahn über die Düna und steigen an der Nationalbibliothek aus, einem imposanten, modernen Bau, der mit seinen asymmetrischen Schrägen fast an einen Berg erinnert oder an ein Segel. Hier am Fluss weht ein enorm starker Wind und wir witzeln, ob das Gebäude vielleicht ursprünglich mal grade war, bevor es vom Wind in seine heutige Form gezwungen wurde. Wir wollen über die Steinbrücke, die Akmens Tilts, in das Zentrum Rigas gehen, um es zu erkunden. Der Sturm weht so stark, dass wir unsere Mützen festhalten müssen und uns nur mit Mühe verständigen können. Durch die verzierten Metallgitter der Brücke heult der Wind in dramatischen Tönen. Aber das Panorama der Stadt ist unwiderstehlich und ich fühle mich stark an Hamburg erinnert – wir haben ganz unverkennbar eine Hansestadt vor uns mit ihren stolzen Türmen, die in der Sonne glitzern und den prächtigen Fassaden ihrer Häuser. Im Norden sehen wir ein großes Passagierschiff am Ufer des Flusses. Und als wir am Rathausplatz den Fluss hinter uns lassen und den Windschatten der Gebäude erreichen, kommen wir aus dem Staunen nicht mehr heraus, als wir die herrlichen, reich verzierten Kaufmannshäuser, das Schwarzhäupterhaus und das gotische Rathaus der Stadt sehen. Der grüne Turm der Petrikirche ist es, der mich vorhin so stark an den Hamburger Michel erinnert hat. Im Gegensatz zu Hamburg hat Riga auch eine richtige Altstadt („Vecrīga“), die meinen Sohn an Bremen erinnert, das Ziel einer seiner Deutschlandticket-Touren.


Hinter der Petrikirche finden wir tatsächlich eine Skulptur der Bremer Stadtmusikanten, gegenüber dem Gasthaus „Krogs Brēmenes Muzikanti“: Ein Geschenk der Hansestadt Bremen – Riga wurde im Jahr 1201 von einem Bremer Bischof gegründet. Über Kopfsteinpflaster hinweg und durch verwinkelte Gassen finden wir die „Drei Brüder“, Wohnhäuser aus dem 15. Jahrhundert, und sehen uns einige Kirchen an. Hier erinnert nichts an eine ehemalige Sowjetrepublik und wieder haben wir den Eindruck, durch eine Zeitmaschine gelaufen zu sein. Neben der lettischen Flagge – weinrot mit horizontalem, schmalen, weißen Streifen, wehen auch hier an vielen Plätzen die Farben der Ukraine. In einem Park sehen wir das lettische Freiheitsdenkmal, eine ganz andere „Freiheitsstatue“, die auf einem hohen Obelisken steht und drei Sterne in den Händen hält, die für die drei Regionen Lettlands stehen. Viele Veranstaltungen finden hier statt, Brautpaare legen Blumen zu Füßen des Denkmals ab.

Wir speisen sehr günstig in einer belebten Einkaufspassage – es gibt Poke Bowls – und machen uns dann auf den Weg, um in unserem Appartement einzuchecken, nachdem wir am Bahnhof unser Gepäck abgeholt haben. Die Wohnung ist wieder in einem alten Wohnblock; wir gehen ein altes, teilweise gefliestes Treppenhaus mit etwas schäbigen Türen bis in den dritten Stock hinauf. Unsere Unterkunft erweist sich als echter Glücksgriff. Eine moderne Küche mit wirklich allem, was man sich vorstellen kann, zwei schöne Schlafzimmer, ein Bad mit Dusche, Laminatboden in heller Holzoptik – hier lässt es sich aushalten. Morgen müssen wir erst mittags zum Zug, darum werden wir ausschlafen und hier in Ruhe frühstücken können. Nach einer Erholungspause erwacht unser Entdeckergeist. Wir haben gelesen, dass es westlich der Stadt, bei Jūrmala, einen beliebten Ostseestrand geben soll. Mit unserer Interrail-App können wir einen Vorortzug nehmen, der dort hinfährt – und das wollen wir als Binnenländer uns nicht entgehen lassen. Nach der Erfahrung auf der Steinbrücke packen wir in weiser Voraussicht sicherheitshalber Windjacken mit ein.

Die schwarz-gelben Triebwagen der lettischen Bahngesellschaft „Vivi“ fahren viertelstündlich und in einer halben Stunde sind wir an unserem Ziel. Wir gehen durch einen schmucken, kleinen Küstenort; es gibt viele hübsche Holzhäuser in verschiedenen Farben, die mich an Skandinavien, meinen Sohn aber eher an New England erinnern. Durch ein schmales Wäldchen geht es hinunter an den Ostseestrand. Wir wickeln uns in unsere Windjacken und fixieren die Mützen unter den Kapuzen, denn der Wind bläst so heftig, dass es sich im Gesicht anfühlt wie ein Sandstrahler. Wie ein feiner Nebel weht uns weißer Sand um die Füße, als wir uns gegen den Wind die letzten Schritte zum Meer vorkämpfen. Aber es ist wunderbar. Weiße Schaumkronen, donnernde Wellen, der unendliche Horizont unter einem klarblauen Firmament, schreiende Möwen, schwankender Strandhafer und weicher Sand unter den Füßen. Erst als wir fast taub vom Wind sind und das Sandstrahl-Peeling fast vollendet ist, verlassen wir den Strand. Wir haben Sand in den Augen und zwischen den Zähnen und das Objektiv der Kamera knirscht ein wenig. Nebenan, im Örtchen „Majori“, gibt es eine richtig noble Seepromenade und dort finden wir auch das „Café 53“, wohin wir aus dem Wind flüchten. Es gibt in Sesam gebratenes Barschfilet und für Sohn eine leckere Riga-style Pizza mit Sprotten, Eiern und Parmesan. Pizza heißt hier „Pica“. Auf der Promenade machen vor einer Bar etwa 50 Frauen und Männer Line Dance, dazu dröhnt aus der Bar laut Country Musik. Sie sind weiß gekleidet, einige tragen weiße Cowboyhüte. Sie haben schon getanzt als wir ankamen und sie tanzen immer noch, als wir gehen. Wir haben einfach keine Ahnung, was hier los ist.


Es ist kalt geworden, die Temperaturen bewegen sich um die 15 Grad und wir denken darüber nach, ob wir uns morgen irgendwo Pullover besorgen wollen. Zuhause sprechen sie derweil von einer Hitzewelle. Und in Warschau hatte ich noch darüber nachgedacht, vor Ort kurze Hosen zu erwerben. Aber wir sind ja hier auch im hohen Norden.


Auf dem Rückweg fährt der Zug nur noch halbstündlich, aber der kleine Bahnhof in Majori hat tatsächlich noch einen echten Wartesaal, wo wir uns windgeschützt hinsetzen können. Am Hauptbahnhof decken wir uns mit Frühstück für morgen ein – gefüllte Pfannkuchen, ein Küchlein, „Pudiņš Karameļu“ und ein paar Bananen. Das Abenteuer geht weiter – wohin wird uns unsere Reise noch führen?